Seengen

Traumberuf Marktfahrer: «Lederpflege ist kein Humbug»

Für die Lederpflegespezialistin Franziska Müller aus Wegenstetten ist Seengen ein gutes Pflaster. Sie sagt: «Ich komme sicher schon 20 Jahre hieher.»

Für die Lederpflegespezialistin Franziska Müller aus Wegenstetten ist Seengen ein gutes Pflaster. Sie sagt: «Ich komme sicher schon 20 Jahre hieher.»

Selbstständigkeit und Abwechslung: Viele Marktfahrer können sich keinen anderen Beruf mehr vorstellen. Auch wenn ihr Job manchmal hart ist.

Die bittere Kälte will gar nicht so recht zum Frühlingsbeginn passen. Doch die Marktfahrer sind hart im Nehmen. Stundenlang stehen sie hinter ihren Ständen und lächeln den vorbeiflanierenden Besuchern freundlich entgegen.

So war es auch am gestrigen Frühlingsmarkt in Seengen. Wie schaffen die das bloss, denkt jeder, der das Geschehen mit tief in den wärmenden Manteltaschen vergrabenen Händen beobachtet.

Marktfahrer Ruedi Abbühl schmunzelt ob der Frage. «In erster Linie muss man warm angezogen sein. Zusätzlich hilft der Wasserkocher, mit dem ich Kaffee mache und auch mal die Hände daran wärme», sagt er.

Abbühl ist zum vierten Mal nach Seengen gekommen. Seit 15 Jahren fährt er mit seiner Geschenk-Werkstatt an die verschiedensten Märkte in der ganzen Schweiz. An über 100 nimmt er pro Jahr teil.

Heute bietet er diverse Engelsfiguren und Kerzenständer an, welche alle in verschiedenen Behinderten-Werkstätten produziert werden. Eigentlich würde er auch noch Taschen aus Madagaskar feilhalten, dieses Jahr musste er aber aufgrund von Lieferengpässen darauf verzichten.

«Normalerweise fahre ich zwei bis drei Mal im Jahr nach Südfrankreich. Dort ist der Händler, der die Taschen importiert.» Da könne man in riesigen Hallen zwischen den verschiedenen Modellen aussuchen, schwärmt der Marktfahrer.

Eigener Herr und Meister

Einige Stände weiter steht Franziska Müller aus Wegenstetten. Sie führt an ihrem Stand ihr Produkt auf Wunsch gerade selber vor. Eine Leder- und Holzpflege, auf deren Rezept sie und ihr Mann das Patent besitzen.

«Wenn sich die Leute bei mir hinsetzen, putze ich ihnen gerne die Schuhe», erklärt sie und lacht. So sehe man dann auch sofort, dass «die Lederpflege auch wirklich funktioniert und nicht irgendein Humbug ist».

Seit 20 Jahren ist Müller im Geschäft, dazu gekommen ist sie über die Liebe. Einen anderen Job könnte sie sich aber nicht mehr vorstellen: «Ich bin hier mein eigener Chef und kann selbstständig entscheiden. Ich glaube, ich könnte gar nicht mehr was anderes machen, verleiden tut es mir noch lange nicht.»

Am Seenger Frühlingsmarkt trifft man jedoch auch einige «Neulinge». Kevin Nünlist aus Wangen an der Aare verkauft seit sechs Jahren Bündner Spezialitäten für das Alphüsli. Er und Kollegin Maria Jatuff bieten den vorbeilaufenden Besuchern Käse und Bündnerfleisch zum Probieren an.

Viele verweilen dann am Stand und nehmen sich eine Spezialität aus dem Bündnerland mit nach Hause. Wie vielen Anderen gefallen Nünlist die Selbstständigkeit und die Abwechslung: «Ich bin immer wo anders unterwegs und kann viel Selbstverantwortung übernehmen.»

Einziger Wermutstropfen für den Verkäufer: Er ist kein Frühaufsteher. Sonst habe er aber hier seinen Traumjob gefunden, vier bis fünf Mal in der Woche ist er auf verschiedenen Märkten unterwegs, zur Winterzeit noch häufiger.

Die eisigen Temperaturen hielten die Besucher nicht vom Frühlingsmarkt fern. Alle waren sie herausgefordert, in der Angebotsfülle ihr Schnäppchen zu finden. Nebst manchem Töpfchen Lederpflegecreme verschwanden so auch viele typische Marktspezialitäten wie Magenbrot & Co. in den Taschen der Marktbesucher.

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