Francesco Totti, der mittlerweile in die Jahre gekommene italienische Fussball-Gott, erlebt einen zweiten Frühling, schiesst Tor um Tor. Und wechselt während der Winterpause von der AS Roma, der er seit jüngsten Junioren-Zeiten treu geblieben war, ausgerechnet zu Lokalrivale Lazio Roma. Aufruhr in der Ewigen Stadt. Die AS-Fans verstehen die Welt nicht mehr; die Lazio-Anhänger triumphieren hämisch. Die Ultras liefern sich Strassenschlachten.

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Nach 38 Jahren endet Ende Jahr meine Tätigkeit als Tagesjournalist. Den Grossteil davon wirkte ich im Ressort Sport. Damals begann dort eine Stilwende. Die Zeitung musste nicht mehr nur vermelden, wer wie gewonnen oder verloren hatte. Nach Radio und Fernsehen und heute Internet, die hierauf die schnellen Antworten liefern, musste auf Papier zunehmend das «Warum» nachgeliefert werden. Selbstredend lieferten Verlierer die emotionaleren Geschichten.

In jener Zeit, in der der Horizont nicht mehr hinter der Cornerflagge aufhörte, sondern dort erst richtig begann, startete das investigative Hinterfragen. Spitzensport war nicht mehr Nebensache, sondern – schön eingebettet in eine immer gnadenlos-pekinuärere Gesellschaft – bestenfalls noch Teil der globalen Unterhaltungsindustrie.

Gehört deshalb die Sportberichterstattung nicht in den Wirtschaftsteil? Nein, dann würde dort mit zweierlei Ellen gemessen. Während auf den normalen Teppichetagen der Leistungsfähigkeit straflos mit der ganzen Palette der Pharmaindustrie nachgeholfen werden darf und wird, gelten für den Sport ganz andere Ansprüche. Nicht nur beim Doping. Fussballer und Tennisspieler werden noch scheeler angeschaut als globale Multis, wenn sie ihre Steuern optimieren. Wenn sportliche Grossanlässe nach politischen und wirtschaftlichen und nicht nach streng technischen Kriterien vergeben werden, werden andere Massstäbe angelegt, als etwa bei lukrativen Waffenexporten.

Diese weit verbreitete Doppelmoral in der Gesellschaft machte vor 15 Jahren den Wechsel zurück zu den Wurzeln, zum Regionaljournalismus, einfach. Endlich wieder daheim. Beschreiben, was vor der Haustüre passiert. Über das, was die Leute interessiert. Auch darüber, was nicht schon auf der Mattscheibe und in News-Apps zu sehen und lesen war. Regionalnachrichten sind der USP (unique selling point oder auf gut deutsch das Alleinstellungsmerkmal oder Hauptverkaufsargument) einer Tageszeitung. So beten es Verlagsmanager dem Publikum ständig vor. Ob sie entsprechend handeln, ist eine andere Frage.

Lippenbekenntnisse haben mich nie beeinflusst. Aussen-, Innen- oder auch Kantonalpolitik haben mich als Berufstummelfeld nie gereizt. Auf mich übt die Kommunalpolitik einen ganz besonderen Reiz aus. In den Gemeinden, diesen eigentlichen Urzellen der direkten Demokratie, findet noch die direkte Konfrontation der Politiker mit ihren Wählern statt. Hier haben Entscheide oft noch direkten Einfluss auf das Leben der Bürger.

Mein höchster Respekt gilt diesen Milizpolitikern, die im Gegensatz zu Gross-, Regierungs-, National- oder Bundesräten zweimal pro Jahr physisch direkt vor das Volk treten und ihre Anträge verkaufen müssen. Dass ausgerechnet die übergeordneten Gremien mit ihren riesigen Verwaltungsapparaturen immer mehr Lasten nach unten delegieren, ist eines der grossen Übel der Zeit.

Ein anderes ist der Stil des Journalismus in den letzten Jahren. Schlagwort-gesteuerte Beiträge sorgen nicht nur hierzulande für einen Medien-Einheitsbrei. Mich interessiert mehr, wenn der Dorfmetzger für den Adventsmarkt eine spezielle Wurst mit Lebkuchenaroma kreiert, als wenn irgendwo ein Kantonsrat sich für staatliches Sponsoring von Deutschlektionen für Asylsuchende einsetzt.

Deshalb bleibe ich der Region erhalten und wechsle zum «Lenzburger Bezirks-Anzeiger». Der erscheint wöchentlich. Für mich ein Transfer mit viel Vorfreude und ein wenig Wehmut.

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Schweissgebadet wache ich auf. Alles nur ein Traum. Ein böser Albtraum. Der ewige Totti bleibt. Trotz den gleichen Initialen: tf. geht …

Fritz Thut wechselt innerhalb der AZ Medien die Stelle: Er wird Redaktionsleiter des «Lenzburger Bezirks-Anzeigers». Thut begann im September 1978 als Volontär beim damaligen «Aargauer Tagblatt» (AT) im Ressort Lenzburg-Seetal. Ab 1979 war er Redaktor im Ressort Fricktal, 1980 erfolgte der Wechsel in die Sportredaktion. Von 1985 bis 1998, zwei Jahre nach Fusion von AT und BT, war er Ressortleiter Sport. Von 2002 bis heute schrieb er wieder über die Region Lenzburg-Seetal.