Seengen

Tradition Geisselklöpfen: Musik oder rhythmische Sportgymnastik?

Glockengeläut und ohrenbetäubende Geissel-Kunst am Chlausklöpf-Wettbewerb.

Glockengeläut und ohrenbetäubende Geissel-Kunst am Chlausklöpf-Wettbewerb.

Am Finale massen sich die 180 besten Klöpferinnen und Klöpfer der Region. Fairness wurde gross geschrieben. Circa 300 Personen verfolgten die Wettkämpfe und «pflegten das gesellschaftliche Leben». Das Wichtigste se aber die Erhaltung einer Tradition.

Geisselklöpfen: Sport oder Musik? «Du brauchst Muskeln, die du sonst kaum brauchst: Rumpf, Oberarme, Schultern», sagt Thomas Wassmer. Der Obmann der Chlausklöpfer von Rupperswil-Auenstein, mehrfach Sieger des Regionalen Wettkampfs, muss es wissen. Dieses Jahr ist er Kampfrichter. Er weiss auch, dass 30 Sekunden – so lange dauert ein Vortrag – lange dauern können. «Mein Bruder hat letztes Jahr nicht ganz durchgehalten», sagt Wassmer. Nun habe er trainiert. Also Sport. Wenn auch mit Kriterien, die nicht objektiv zu messen sind. Nicht Zentimeter, nicht Minuten. Wie Kunstturnen oder Turmspringen. Klar ist: Wer, ähnlich wie der Kugelstösser, den Kreis während des Klöpfens verlässt, wird bestraft. Was, wenn der Zwick den Boden berührt?

Kampfrichter «eichen»

Vor dem Mittag werden die Kampfrichter in ihre Arbeit eingeführt, ganz konkret anhand von Klöpf-Vorträgen. Rolf Spühler aus Auenstein leitet diesen Crashkurs, der zu gerechten Urteilen beitragen soll. Da wird intensiv diskutiert, auf dass man auf einen einigermassen gleichen Nenner komme. Wie viel Abzug fürs Übertreten? «Wir haben eine Gruppe neuer junger Kampfrichter», freut er sich. Und auch das Bewertungsblatt ist vereinfacht worden.

Unter den Kampfrichtern sind zwei Frauen. Jacqueline Lehn aus Ammerswil freut sich über den Chlausklöpf-Boom in ihrem Dorf: «Von 700 Einwohnern klöpfen 120!» Dank Schnupperkursen an der Schule und elterlichen Vorbildern sind die Ammerswiler Kinder klöpferisch gut unterwegs. Ein schulisches Vorbild gibt Janine Kölbl ab. Die Schulpflegepräsidentin von Hunzenschwil steigt höchstselbst in den Ring und lässt den Zwick erfolgreich knallen.

Tanzen an Ort

Seit drei Jahren amtet auch die ehemalige Seriensiegerin Therese Graf aus Möriken als Kampfrichterin. Sie sieht im Klöpfen durchaus einen musikalischen Aspekt. Dabei denkt sie nicht nur an den doch eher monotonen Knall, sondern an den Rhythmus: Lautstärke und Regelmässigkeit werden bewertet. Zudem eignet dem Klöpfen etwas Tänzerisches, wenn man die Beinarbeit betrachtet. Tanzen an Ort sozusagen, denn die Standfestigkeit mit der Bewegung von Füssen und Oberkörper ist ein Bewertungskriterium. Und Hanspeter Gehrig, der Chef der Chlausklöpfer Region Lenzburg, sieht die adventliche Tätigkeit augenzwinkernd als «rhythmische Sportgymnastik».

Klöpfen ist Volkskulturgut

Sport und Musik also? «Der Wettkampf wird zwar schon ernst genommen», sagt Rolf Spühler. Doch, und da sind sich alle einig: Das Wichtigste ist die Erhaltung einer Tradition, die in Lenzburg seit 70 Jahren besteht. Es geht um ein Volkskulturgut. Und es geht darum, wie Jacqueline Lehn es in Ostschweizer Dialekt sagt, auch im Winter das gesellschaftliche Leben zu pflegen, und seis bei garstigem Wetter. Draussen mit Wurst und Glühwein. Urige Treichelklänge bringt der Einschellerverein Wangen (SZ) am Sonntag nach Seengen. 

Wohl an die 300 Personen verfolgen die Wettkämpfe. Fairness wird gross geschrieben. Wer den Schaden hat, erhält aufmunternden Applaus. Und es ist schnell passiert, gerade bei den Kindern, dass die Geissel sich verheddert. Melanie Häfliger aus Staufen wirft die störende Kappe kurzerhand weg und klöpft weiter. Fachmännische Kommentare, auch aus Frauenmund, sind zu hören. Und jeden Vortrag – also doch Musik! – kommentiert das Publikum mit Applaus. Die jüngsten der rund 180 Teilnehmenden haben Jahrgang 2013, die älteste ist Yvonne Jampen aus Othmarsingen mit Jahrgang 1954. Verletzungsrisiko? Ein Zwick im Gesicht. Oder ein Ohrenpfeifen.

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