Lenzburg

Tierquälerei: Sozialhilfebezügerin liess ihr krankes Pferd nicht behandeln

Eine Sozialhilfebezügerin wurde vom Bezirksgericht wegen Tierquälerei schuldig gesprochen. (Symbolbild/Archiv)

Eine Sozialhilfebezügerin wurde vom Bezirksgericht wegen Tierquälerei schuldig gesprochen. (Symbolbild/Archiv)

Das Bezirksgericht verurteilt eine Frau wegen Tierquälerei.

Die Frau, die Gerichtspräsident Daniel Aeschbach gegenübersitzt, hat in ihrem Leben mehrere Schicksalsschläge erlebt. Zwar wurde während der Verhandlung nur ansatzweise klar, was alles passiert sein könnte. Doch ein Blick auf die Beschuldigte gibt viel Ungesagtes preis. Ihr Gesicht ist zerfurcht, die Augen blicken misstrauisch, auf dem Scheitel schimmert ein grauer Haaransatz.

Vor Gericht erschien die im Wynental wohnhafte Frau, weil sie gegen einen Strafbefehl Einsprache erhoben hatte. Tierquälerei lautete der Vorwurf. Wie seine Besitzerin hatte auch das Pferd der Beschuldigten schwierige Zeiten durchmachen müssen. Bei einer Kontrolle Anfang 2016 stellte das kantonale Veterinäramt verschiedene Missstände fest. Um den Zustand des Pferdes zu beschreiben, war der behandelnde Tierarzt als Zeuge vor Gericht anwesend. Mit seiner Hilfe konnte der Gerichtspräsident sein Allgemeinwissen um einige Pferdekrankheiten erweitern. Das Pferd, das in einem Stall im Seetal untergebracht war, war abgemagert. Seine Zähne, die bei Pflanzenfressern stets weiterwachsen, waren stellenweise zu lang und spitz geworden. Die Beine waren angeschwollen und an einem Huf hatte sich nach einem gravierenden Abszess eine doppelte Sohle gebildet. «Klammer Gang und Wendeschmerz», steht im Strafbefehl. «Das muss man sich als das Gegenteil von schwungvoll vorstellen», erklärte der Tierarzt auf die Nachfrage von Aeschbach. «Das Pferd ist getäppelt wie eine alte Person.» Auf einer Schmerzskala von 1 bis 10, wobei 10 die schlimmsten Qualen darstellt, schätze der Tierarzt den erlittenen Schmerz des Pferdes bei 8 ein.

Pferd schon länger krank

Die Frau sass während der Schilderungen reglos auf ihrem Stuhl. «Ich kenne mein Pferd», sagt sie, als Aeschbach ihr das Wort erteilt. Der Wallach habe schon immer an Strahlfäule gelitten, einer Hufkrankheit. Weil sie den Hufschmid immer gut instruiert habe, sei die Krankheit kontrollierbar gewesen. Doch einmal habe der Hufschmid nicht richtig gearbeitet. Einen schlechten Zahn habe es auch schon jahrelang gehabt. «Ich habe das Pferd jahrelang fünf bis sechs Mal in der Woche geritten», sagte sie. Nach der Kontrolle durch das Veterinäramt sei es in sich zusammengefallen. «Ich kenne mein Pferd», sagt sie immer wieder, die Stimme zittrig. Die geschiedene Frau lebt seit mehr als einem Jahr von der Sozialhilfe, ihr Lebensziel sei, wieder Arbeit zu finden. «Am liebsten in einem Büro», sagt sie. Abgesehen von einem Haushaltslehrjahr nach der Schule erwähnt sie keine Ausbildung, als Aeschbach sie zu ihren Personalien befragt. «Es war keine Tierquälerei», sagt sie mehrmals und lässt dabei ihre kleine, dünne Hand auf den Tisch fallen. «Ich hatte keine Mittel zur Verfügung, um den Huf und den Zahn gleich machen zu lassen.» Ein Versuch, über ihre Altersvorsorge an finanzielle Mittel zu kommen, scheiterte.

Gerichtspräsident Aeschbach schlug der Frau vor, die Einsprache zurückzuziehen, damit sie sich die Verfahrenskosten sparen könne. «Sie sind vom Schicksal gebeutelt, aber sie haben sich strafbar gemacht», sagte er. Die Frau will nicht darauf eingehen. «Es war keine Tierquälerei», sagt sie nochmals, den Oberkörper über den Tisch gebeugt.

Wie angekündigt, spricht Aeschbach sie schuldig. Er reduziert den Tagessatz aus dem Strafbefehl für die Geldstrafe um 10 auf 60 Franken, à 30 Tage macht das 1800 Franken. Dazu kommt eine Busse von 450 Franken, Verfahrenskosten von 1165 Franken und die Anklagegebühr von 1100 Franken. Die Frau nimmt das Urteil still entgegen. «Ihre Geschichte schockiert mich», sagt Aeschbach. Die Verurteilte unterbricht ihn. «Ich habe eine Frage», sagt sie. «Wo ist mein Pferd? Ich weiss nicht einmal, ob es noch lebt.» Daniel Aeschbach kann ihre Frage nicht beantworten. Die Verhandlung ist beendet. Draussen vor dem Gerichtsgebäude hält sich die Frau an einer Zigarette fest. Die misstrauischen Augen glänzen feucht.

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