Bezirksgericht Lenzburg
Teurer Ungehorsam: Rentnerin steht ohne Anwalt vor Gericht – und wird schuldig gesprochen

Vor Bezirksgericht Lenzburg stand eine 57-jährige Rentnerin. Richter Daniel Aeschbach zeigte Humor und Verständnis, blieb aber hart.

Peter Weingartner
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Die Beschuldigte kontert: «Wäre ein Anwalt da gewesen, wäre ich freigesprochen worden.»

Die Beschuldigte kontert: «Wäre ein Anwalt da gewesen, wäre ich freigesprochen worden.»

Chris Iseli

Wer den Strafbefehl liest, Ungehorsam einer Schuldnerin im Betreibungs- und Konkursverfahren, wundert sich darüber, dass das Gericht für diese Bagatelle 3,5 Stunden veranschlagt. Zumal Manuela (Name geändert), 57, Rentnerin, sich selbst verteidigt. Zumal? Weil sie sich selbst verteidigt! Mit Hilfe diverser Gesetzesbücher.

Eine Kartonkrone für die Angeklagte

Manuela muss mehrere Male «etwas ausholen» an diesem Nachmittag des Dreikönigstags. Da kommen Dinge aufs Tapet, die Jahre zurückliegen, zuvorderst eine Ostschweizer Erbgeschichte, bei der die Geschwister unter advokatorischer Zuhilfenahme Manuela übervorteilt hätten. Von einer korrupten ­Gerichtspräsidentin erzählt sie und dubiosen Machenschaften, verweigertem rechtlichem ­Gehör. Und auch ihr Vater sei 2009 keines natürlichen Todes gestorben.

Verhandlungsfähig trotz gesundheitlicher Probleme

Auch die Aargauer Gerichtsbarkeit bekommt ihr Fett weg: Man habe ihr das Recht auf einen unentgeltlichen Anwalt verweigert und auch eine Privatperson, die ihr rechtlich zur Seite hätte stehen können, habe man abgelehnt. Richter Daniel Aeschbach versucht, Manuela dazu zu bewegen, sich zum zu beurteilenden Fall zu äussern. Jene aber sieht diese Geschichte in einem kausalen Zusammenhang zu den Vorgeschichten, spricht vom Rattenschwanz. Sie habe das Couvert mit der Vorladung beim Betreibungsamt nicht öffnen können, weil es sie psychisch und körperlich in Mitleidenschaft gezogen hätte. Da zückt Daniel Aeschbach eine Kartonkrone und bringt sie ihr: «Jetzt stehen wir auf der gleichen Ebene.»

«Das ist der Anfang des Ganzen»

In der Befragung zur Person erklärt Manuela sich für verhandlungsfähig, trotz gesundheitlicher Probleme. Darüber, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreitet, gibt sie keine Auskunft. Umso mehr aber sprudelt es, wenn sie über die Erbschaftsgeschichte erzählt, Erbvorbezüge der Geschwister, die Zwangsverwertung der Elternhäuser, wie die Anwälte Geld abtransportiert hätten: «Das ist der Anfang des Ganzen.» Von Arglist spricht sie, und wie sie die Häuser hätte kaufen, die Geschwister auszahlen wollen.

«Ich finde Sie sympathisch, Herr Richter»

Daniel Aeschbach lässt Manuela reden, blickt auf die Uhr und versucht, der Beschuldigten einen Rückzug der Einsprache gegen den Strafbefehl wegen Ungehorsam beliebt zu machen. Zeit ist Geld. Manuela will das nicht hören. Sie ist davon überzeugt, dass sie im Recht ist. Ihr Argument: Eine Pfändung sei unrechtmässig, da ein vorangegangener Zahlungsbefehl nicht mehr gültig gewesen sei. Um eine Pfändung oder die Aufnahme eines Güterverzeichnisses aber ging es in der Vorladung, die Manuela ignoriert hat und die letztlich mit der Polizei zugeführt werden musste. Die Pointe: Sie habe von einem Polizisten dessen Begleitung auf dem Gang zum Betreibungsamt verlangt, was jener verweigert habe.

Begibt sich in Stresssituationen in psychiatrische Obhut

Manuela ist kein unbeschriebenes Blatt. Ihre psychische Prädisposition hat sie schon zu üblen Drohungen gegen Beamte veranlasst. Darum der Wunsch nach polizeilicher Begleitung. Inzwischen hat sie sich Strategien angeeignet, um nicht zu explodieren. Und sie begibt sich in Stresssituationen in psychiatrische Obhut. «Ich finde Sie sympathisch», sagt sie zum Richter, «Sie haben mich mit Ihrer Menschlichkeit beruhigt.» Nach einer coronakonformen kurzen Lüft-Pause findet Manuela einen Teil eines Dreikönigskuchens an ihrem Platz.

«Mit einem Anwalt wäre ich freigesprochen worden»

Manuela erzählt, wie sie wegen der häufigen Präsenz der Polizei ihre Wohnung im Seetal verloren habe. Überfallmässig sei sie aufgetreten, sagt sie, wie eine Schwerverbrecherin behandle man sie. Und sie spricht von Willkür in den letzten 15 Jahren. 2016 sei sie nahe am Suizid gewesen. Daniel Aeschbach gibt Manuela 15 Minuten für ihr Plädoyer. Sie handelt ihre Zeit auf 20 Minuten hoch, bringt noch eine Handy-Aufnahme ins Spiel, die zeigen soll, wie sie auf einem Polizeiposten abgefertigt worden sei und verlangt schliesslich einen vollumfänglichen Freispruch plus Schmerzensgeld.

400 Franken Busse

In der Pause vor der Urteilsverkündung verzehrt Manuela ihr Brötchen. Daniel Aeschbach versucht, Manuela klarzumachen, dass es allein um den Ungehorsam gehe, die Tatsache, dass sie die Vorladung zum Betreibungsamt ignoriert hat. In allen anderen Dingen möge sie vielleicht Recht haben, doch sei die ganze Erbschaftsgeschichte nicht Gegenstand des aktuellen Verfahrens.

Er spricht Manuela schuldig. Sie muss 400 Franken Busse bezahlen, 500 Franken Strafbefehlgebühr, dazu die Verfahrenskosten von 1230 Franken. Da hilft auch die royale Plastikfigur nichts, die sie in ihrem Brötchen, offeriert vom Gerichtspräsidenten, gefunden hat. Dass Manuela mit dem Urteil nicht einverstanden ist, wen wundert’s: «Wäre ein Anwalt da gewesen, wäre ich freigesprochen worden.» «Sie dürfen das so sehen», sagt Daniel Aeschbach und verweist auf die Möglichkeit, die Sache ans Obergericht weiterzuziehen.