Hallwilerseelauf

Süchtig nach Langeweile – oder die Frage, wie man eigentlich zum Läufer wird

«Beim Laufen stellt sich ein Flow-Gefühl ein – ein meditativer Moment der gedankenfreien Langeweile, bei der man ganz bei sich selbst ist.»

AZ-Redaktor Elia Diehl (r.) hat seinen Spass am Hallwilersee:

«Beim Laufen stellt sich ein Flow-Gefühl ein – ein meditativer Moment der gedankenfreien Langeweile, bei der man ganz bei sich selbst ist.»

Als einer von rund 8000 Läuferinnen und Läufern ging AZ-Redaktor Elia Diehl am Samstag an den Start des 43. Hallwilerseelaufs. Wie viele nutzte er einst die Phrase: «Ach, ich war noch nie ein Läufer». Also stellt er sich die Frage, warum und wie man eigentlich zum Läufer wird.

Es ist mein dritter Wettkampf innert eines Monats, der zweite Halbmarathon innert zwei Wochen. Verrückt? Vielleicht. Typisch Läufer? Möglich, doch das war nicht immer so.

AZ-Redaktor Elia Diehl am Hallwilerseelauf 2017, im Hintergrund Schloss Hallwyl.

Der AZ-Redaktor hat seinen Spass.

AZ-Redaktor Elia Diehl am Hallwilerseelauf 2017, im Hintergrund Schloss Hallwyl.

«Ich war noch nie ein Läufer.» – «Die Gelenke machen das nicht mit.» – «Das ist doch so langweilig!» Auch ich bediente mich mal dieser Phrasen. Wie also wird man zum Läufer, der sogar trotz Verletzung unbedingt um den Hallwilersee rennen will?

Davonlaufen in die Langeweile

Seit Mai schnüre ich die Laufschuhe fast täglich. Natürlich will ich damit etwas für den Körper tun, aber das ginge ja auch anders. Geht man also plötzlich viel rennen, dann heisst es oftmals: «Ach, ihr lauft doch alle vor etwas davon!» Das hat was: Emotionen und Gefühle können zu Rastlosigkeit führen – du willst nur noch weglaufen.

Die ganze Wahrheit ist es aber nicht, denn der Antrieb verschiebt sich. Ich wurde süchtig nach (aktiver) Langweile. Etwas, dass wir kaum noch können. Nichtstun empfinden wir als unlustvoll und unbefriedigend. Im Existentialismus gilt Langeweile aber als wesentliche Grunderfahrung des menschlichen Seins: Sie ist der Schlüssel für Kreativität und seelisches Gleichgewicht.

Auch beim Laufen tut man eigentlich kaum etwas und irgendwann stellt sich ein Flow-Gefühl ein – ein meditativer Moment der gedankenfreien Langeweile, bei der man ganz bei sich selbst ist. Puristisch verzichte ich auf Musik, nicht nur, um mich atmen (oder keuchen) und die Natur zu hören, sondern ich lasse die Leere bewusst zu. Leere, die zu neuen Einfällen führt.

Denn Langeweile ist das Gegenteil von Stress und Überforderung mit einer Aufgabe. Sie beinhaltet keinerlei Aufgabe. «Sie ist nicht sinnvoll, aber hilft Sinn zu finden», erklärte Psychiater Thomas Ihde, Stiftungspräsident von Pro Mente Sana, das Phänomen gegenüber «Radio SRF». Nicht zielgerichtet können wir also schweifen, sind offen und erweitern unsere Aufmerksamkeitsbreite. «Selbstbestimmt ist Langeweile unterhaltend.»

Ergo ist Laufen für mich zur Unterhaltung geworden, bei der ich mich vergnüge und entspanne. Ein Hobby also, das ich ursprünglich nicht seiner selbst wegen betrieb, aber plötzlich gut darin wurde. Denn: Ohne Druck geht «erfolgreich» auch.

«Ich war nie ein Läufer» – aber jetzt bin ich’s. Ehrgeiz keimt, man setzt sich Ziele – und ist enttäuscht, wenn man sie am wunderschönen Hallwilerseelauf wegen einer vorgängigen Wadenverletzung nicht erreicht. Ärger? Fehlanzeige. Der Spass und die Freude, wieder laufen zu können, überwiegt.

Die schönsten Bilder vom 43. Hallwilerseelauf: 

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