Derzeit arbeiten mehrere Dutzend Polizisten und Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft mit Hochdruck an der Aufklärung des Vierfachmordes von Rupperswil. «Die Hauptlast liegt bei der Kriminalpolizei», erklärt Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht. Weiterhin involviert ist auch das rechtsmedizinische Institut des Kantonsspitals Aarau. Bei besonders schweren Delikten wie diesem kann die Staatsanwaltschaft zudem externe Ermittlungsspezialisten dazuholen – falls sie nicht mehr weiterkommt oder eine Aussensicht als sinnvoll erachtet.

In Fernsehkrimis werden diese Fachleute Profiler genannt. Die korrekte Bezeichnung in der Schweiz lautet Fallanalytiker. Ausgebildet werden sie in Bern im Viclas-Centre Schweiz. Viclas ist die Abkürzung für Violent Crime Linkage Analysis System – und konkret: eine Software, in der besonders schwere Gewalt- und Sexualstraftaten zentral erfasst und verglichen werden können. Entwickelt wurde das System von der kanadischen Polizei, die Berner Kantonspolizei kaufte eine Lizenz und betreibt es für alle Kantone ausser die Waadt, die nicht Mitglied im sogenannten Viclas-Konkordat ist.

Weil eine Datenbank aber nur so gut ist, wie ihre Anwender sie füllen, sorgt sich das Viclas-Centre auch um die Ausbildung von operativen Fallanalytikern. Durchgeführt wird sie in Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt Wiesbaden. Danach stellt das Zentrum seine Analytiker den Mitgliedskantonen bei Bedarf zur Verfügung. Die Aussenstelle für die Nordwestschweiz befindet sich bei der Solothurner Kantonspolizei. Weil der Aargau dem Viclas-Konkordat 2011 beitrat, kann auch er jederzeit eine Anfrage stellen.

Rupperswil: Viele Hinweise für die Polizei (Tele M1, 26.12.2015)

Rupperswil: Viele Hinweise für die Polizei

Seit dem Zeugenaufruf lieferten Anwohner eine Vielzahl an Beobachtungen möglicher Täter an die Dutzenden Ermittler. (Tele M1, 25.12.2015)

Recherchen der az zeigen, dass davon schon Gebrauch gemacht wurde – in wie vielen und in welchen Fällen, darüber liegt aber laut Oberstaatsanwaltschaft «kein aktuelles Datenmaterial vor» und solches könne «in diesem Jahr auch nicht mehr beschafft werden». Philipp Umbricht sagt, es sei «gut möglich», dass man nun im Fall Rupperswil das Viclas-Centre um Mithilfe bitten werde: «Das kann durchaus ein Thema sein. Eine Zweitmeinung ist bei grossen Fällen immer eine gute Option.»

Interpol eingeschaltet

Die Berner Kantonspolizei – dort ist das Zentrum angesiedelt – erklärt auf Anfrage, man äussere sich grundsätzlich nicht zu laufenden Ermittlungen in anderen Kantonen. Wie ein Einsatz konkret abläuft, beschreibt ein Artikel in der Mitgliederzeitschrift der deutschen Polizeigewerkschaft. So arbeiten die Analytikerinnen und Analytiker im Team. Dieses «zerteilt das Irrationale, das Unfassbare eines Verbrechens in nüchterne, überprüfbare Kriterien und versucht zu verstehen, warum die Tat genau so und nicht anders ablief». Alle denkbaren Möglichkeiten werden gesammelt und später nach und nach ausgeschlossen. Kernstück der Arbeit ist die Rekonstruktion des Tatgeschehens.

Heisse Spur im Vierfachmord von Rupperswil?

Heisse Spur im Vierfachmord von Rupperswil?

Bei der Tätersuche für die Gewalttat in Rupperswil führt ein Hinweis die Ermittler nach Wohlen in eine Apotheke. Dort erschienen nach der Tat auffällige Neukunden. (Tele M1, 25.12.2015)

Ebenfalls Hilfe erhoffen sich die Ermittler vom internationalen Polizeinetzwerk Interpol. Der Fall wurde dort mit einem Telex verbreitet. Oberstaatsanwalt Umbricht sagt, wenn an einem anderen Ort Ähnliches passiert sei, könnte dies sehr wertvoll sein. Derweil ermitteln die Aargauer weiter: «Im Moment ist Knochenarbeit angesagt, trotz Feier- und Festtagen.»