Seengen
Stille Nacht, heilige Nacht: Kirchenglocken an Weihnachten verstummt

In der Heiligen Nacht ist in Seengen die Uhr der reformierten Kirche stehen geblieben. Verstummt sind damit auch die Glocken. Für Pfarrer David Lentzsch ist dies eine besondere Stimmung: «Es scheint, als wäre die Heilige Nacht angehalten.»

Pascal Meier
Merken
Drucken
Teilen
Kirchensigristin Dora Kamber und ihr Mann Markus werfen einen Blick ins Uhrwerk.

Kirchensigristin Dora Kamber und ihr Mann Markus werfen einen Blick ins Uhrwerk.

Pascal Meier

Am Ende hatte Gott doch noch Erbarmen. Erbarmen mit all jenen, die durch die Adventszeit eilten und zu viel Zeit in Läden und Einkaufsstrassen verbrachten. Solch gestresste Seelen gibt es auch in der Seetaler Gemeinde Seengen - und diesen hat Gott in der Heiligen Nacht ein rares Gut vermacht: Zeit und Stille.

Es war am 25. Dezember um 1.36 Uhr, als der grosse Zeiger der Kirchenuhr einen letzten Wank tat und sich seither nicht mehr rühren will. Verstummt sind damit auch die viertelstündlichen Glockenschläge. Nur das computergesteuerte «Geläute» hallt noch frühmorgens und abends durch die Strassen und Gassen. Sonst scheint im Dorf die Zeit stehen geblieben.

Lange Heilige Nacht

In Seengen ist es damit immer noch Heilige Nacht, 1.36 Uhr. Dieser Gedanke gefällt besonders David Lentzsch. Der reformierte Dorfpfarrer, der neben der Kirche wohnt, kommt ins Sinnieren: «Es scheint, als wäre die Heilige Nacht angehalten und würde weiter wirken.»

Was er jetzt erlebe, sei eine ungewöhnliche Oase der Ruhe. «Als Pfarrer erlebe ich die Wochen vor Weihnachten als eher unruhige Zeit. Deshalb geniesse ich die momentane Stimmung ohne die Glockenschläge ganz besonders.»

Kein Pikettdienst für Kirchenuhren

Ob Gottes Werk oder nur eine Laune der Mechanik: Warum die Seenger Kirchenuhr stehen geblieben ist, weiss noch niemand. Es gibt Pikettdienste für tausend Probleme: für kaputte Aufzüge, Rolltreppen und Computer. Eine 24-Stunden-Telefonnummer für stehen gebliebene Kirchenuhren sucht man jedoch vergebens.

So ist es an Dora Kamber, der Kirchensigristin, einen ersten Blick ins Uhrwerk zu werfen. «Da muss der Fachmann ran», sagt Dora Kamber beim Augenschein im Kirchturm, mit rund 60 Metern dem höchsten im Kanton. «Die Konstruktion ist kompliziert und äusserst empfindlich.» Ihr Ehemann Markus Kamber nickt zustimmen.

Die Kambers wissen, wovon sie reden, denn seit der letzten Überholung vor knapp zwei Jahren quittiert die launische Seenger Kirchenuhr immer mal wieder ihren Dienst. Dora Kamber ist deshalb besonders wachsam - und das im wahrsten Sinne des Wortes: Während andere nachts vom Klang der Kirchglocken erwachen, fährt Dora Kamber nur dann aus dem Schlaf, wenn die Glocken für einmal nicht erklingen.

Sonnenuhr führt kein Schattendasein

Allzu lange wird die Stille und Zeitlosigkeit in Seengen nicht mehr anhalten. Dora Kamber hofft, dass der Fachmann das müd gewordene Uhrwerk schon heute wieder in Schuss bringen kann.

Bis dahin tut eine andere Uhr treu ihren Dienst, die an der Südfassade der Pfarrkirche beileibe kein Schattendasein fristet: Die Sonnenuhr. «Meine Zeit steht in Deinen Händen», steht darüber schwungvoll in alter Schrift. Psalm 31. Wie wahr.