Lenzburg
Stiftung kritisiert Kanton wegen verurteiltem Lenzburger Arzt

Ein Arzt praktiziert trotz Verurteilung wegen Sex mit seiner kranken Angestellten weiterhin. Nun kritisiert die Stiftung «Linda» in einem offenen Brief das Wegsehen des Kantons. Dieser soll endlich die Verantwortung wahrnehmen.

Silvan Hartmann
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Ein angesehener Hausarzt darf in Lenzburg weiterhin praktizieren – trotz Verurteilung wegen mehrfacher Ausnützung einer Notlage und versuchter Nötigung (Symbolbild)

Ein angesehener Hausarzt darf in Lenzburg weiterhin praktizieren – trotz Verurteilung wegen mehrfacher Ausnützung einer Notlage und versuchter Nötigung (Symbolbild)

Keystone

Er hatte bis zu drei Mal wöchentlich Sex mit der 22-jährigen, an Bulimie erkrankten Praxisassistentin. Deshalb ist ein Lenzburger Hausarzt 2003 wegen mehrfacher Ausnützung einer Notlage und versuchter Nötigung verurteilt worden.

Doch bis heute darf er seinen Beruf, der auf Vertrauen basiert, weiter ausüben (az berichtete). Weshalb greift der Kanton nicht ein? Diese Frage beschäftigt viele.

Am Donnerstag hat Verena van den Brandt der zuständigen Regierungsrätin Susanne Hochuli einen offenen Brief zum Fall zukommen lassen.

Van den Brandt ist Ärztin in Aarau und Präsidentin der Stiftung «Linda», die sich gegen sexuellen Missbrauch in der Gesellschaft einsetzt.

Kämpft gegen sexuelle Missbräuche: Ärztin Verena van den Brandt.zvg

Kämpft gegen sexuelle Missbräuche: Ärztin Verena van den Brandt.zvg

Sie fordert den Kanton Aargau als Aufsichtsbehörde auf, seine Verantwortung wahrzunehmen und sein Konzept zur Vermeidung solcher Fälle einer kritischen Prüfung zu unterziehen. «Dieser Arzt darf nicht weiter praktizieren», sagt van den Brandt auf Nachfrage der Aargauer Zeitung. «Die Gefahr, dass ein Täter wiederholt Übergriffe macht, liegt bei 70 Prozent.»

Der offene Brief bekommt auch deshalb Gewicht, weil im Unterstützungskomitee der Stiftung «Linda» laut deren Internetseite mit Corina Eichenberger, Sylvia Flückiger und Ruth Humbel gleich drei Aargauer Nationalrätinnen sitzen.

Täter sind oftmals Fachleute

Van den Brandt will, dass niemand die Augen vor Tatsachen verschliesse: «Sexuelle Übergriffe kommen auch dort vor, wo man es nicht erwartet. Rechnet man eine kanadische Studie hoch, so werden im Gesundheitswesen in der Schweiz jeden Tag schätzungsweise 40 solcher Straftaten begangen. Das darf nicht länger ein Tabuthema sein.»

Zur Verfügung gestellt

Das Problem der sexuellen Übergriffe sei, dass Täter oftmals Fachleute sind, denen man eine solche Tat nicht zutrauen würde, sagt van den Brandt. «Die Täter können angesehene Fachleute sein, haben aber eine starke Persönlichkeitsstörung, die man behandeln muss.»

Kanton bestätigt Erhalt des Briefes

Das Departement Gesundheit und Soziales von Susanne Hochuli bestätigt den Eingang des Briefes: «Das Departement wird der Absenderin eine Antwort schreiben», sagt Sprecher Balz Bruder.

Er bestätigt, dass nach wie vor keine aufsichtsrechtlichen Massnahmen ergriffen worden sind.

Schliesslich sei ein Entzug der Berufsausübungsbewilligung ein schwerer Eingriff in die selbstständige Praxistätigkeit. Entsprechend hoch seien die rechtlichen Anforderungen an einen Entzug, die im vorliegenden Fall nicht gegeben seien. Ein Entzug der Bewilligung werde von Fall zu Fall neu beurteilt.

Der Lenzburger Hausarzt wollte auf Anfrage bei dessen Anwalt keine Stellung zum offenen Brief beziehen.