Lenzburg
Stadtrat Andreas Schmid: «Ich will eine schlagkräftige Sozialbehörde»

Der Lenzburger Stadtrat Andreas Schmid ist 100 Tage im Amt. Mit der az spricht er über mutige Entscheide und sein junges Familienglück.

Ruth Steiner
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Der Stadtrat tagt im Rixheimerzimmer im Lenzburger Rathaus. Andreas Schmid sitzt hier an seinem Platz, die berühmte Tapete im Hintergrund.

Der Stadtrat tagt im Rixheimerzimmer im Lenzburger Rathaus. Andreas Schmid sitzt hier an seinem Platz, die berühmte Tapete im Hintergrund.

Ruth Steiner

Sie sind gewissermassen das «Küken» im Stadtrat. Im Herbst werden Sie 30 Jahre alt. Ihre vier Stadtratskollegen könnten Ihre Eltern sein. Funktioniert das?

Wir hatten bisher keine generationenbedingten Spannungen, wenn Sie das meinen. Natürlich habe ich in den Diskussionen dann und wann einen etwas andern Blick auf gewisse Thematiken. Mir ist beispielsweise das eGovernment ein grosses Anliegen. Hier hat die Stadt Lenzburg noch Potenzial.

Auf Ihrer Website charakterisieren Sie sich als Mensch, der «mit Mut entscheidet». Welches war Ihr mutigster Entscheid in den ersten 100 Tagen?

Ich habe in den ersten Monaten nicht nur einen, sondern bereits einige mutige Entscheide treffen müssen: Das wohl wichtigste Geschäft ist die Neuorganisation der Tagesstrukturen. Der Verein Tagestrukturen hat angekündigt, dass er aufhört. Nach der Dossierübernahme bleiben mir gerade sieben Monate Zeit, die Tagesstrukturen sicherzustellen. Nach einer Kurzevaluation hat sich der Stadtrat für den Verein Erziehung und Bildung (VEB) entschieden. Für den VEB ist der Standort Lenzburg eine ideale Ergänzung zu Aarau und Wohlen, wo er bereits tätig ist. Zudem präsidiert mit Grossrätin Sabine Sutter-Suter eine Lenzburgerin den Verein. Bereits in der Offerte hat sich dies als grossen Vorteil gezeigt. Zudem steht die Umsetzung des Kinderbetreuungsgesetzes per August an und wir müssen die notwendigen personellen Ressourcen bereitstellen.

Der Einwohnerrat hat im letzten Jahr die zusätzlich beantragte 60-Prozent-Stelle für die Projektorganisation der ausserschulischen Kinderbetreuung nicht bewilligt. Gibt es eine Lösung?

Ja, doch war es eine grosse Herausforderung, die Ressourcen innerhalb der städtischen Verwaltung freizuschaufeln. So wie es der Einwohnerrat während der Debatte bereits angedacht hatte, konnten die im Schulsekretariat durch den Austritt der Gemeinde Staufen aus dem Regionalschulverbund freigewordenen Ressourcen für das neue Projekt eingesetzt werden. Doch das reicht im Moment noch nicht aus. Wir sind zwar bei den benötigten Stellenprozenten nochmals über die Bücher gegangen, um Synergien zu nutzen, extern vergebene Dienstleistungen zurück in die Sozialen Dienste zu holen. Aber es zeichnet sich ab, dass weitere personelle Ressourcen nötig sind. Der Stadtrat prüft das weitere Vorgehen.

Mit dem Ressort Soziales haben Sie Ihr Wunschdepartement übernehmen können. War das ein richtiger Entscheid oder ein mutiger Entscheid?

(Lacht). Ja, das «Soziale» war tatsächlich mein Wunschressort. Insofern würde ich den Entscheid nicht als mutig, aber sicher als richtig bezeichnen. Ich hatte allerdings als Neuling auch keine andere Wahl, man bekommt das Ressort, das bei der Verteilung übrig bleibt.

Weshalb ist das «Soziale» richtig?

Es hat sich rasch abgezeichnet, dass ich von meinem Job als Leiter der Sozialhilfe im Kanton Solothurn sehr viele Synergien nutzen und mein Know-how einbringen kann. Gerade im Bereich Sozialhilfe ist das sehr gewinnbringend, indem ich in Solothurn jene Behörde beaufsichtige, welche ich in Lenzburg politisch vertrete.

Als Leiter Sozialhilfe beim Kanton Solothurn haben sie einen anspruchsvollen Job. Wie bringen Sie diesen und das Stadtratsamt unter einen Hut?

Ich habe mein Pensum auf 80 Prozent reduziert. Im Moment nimmt mich das Stadtratsamt stark in Anspruch. Mein Arbeitspensum liegt derzeit einiges über 100 Prozent. Doch ich habe einen verständnisvollen Arbeitgeber, der mir die notwendige flexible Arbeitszeitgestaltung ermöglicht. So kann ich meine Termine im Zusammenhang mit dem politischen Mandat gut wahrnehmen.

100

Tage ist Andreas Schmid als Stadtrat im Amt. Dort ist der FDP-Politiker für das Ressort Soziales, Gesundheit, Jugend & Alter, Einbürgerungen und IT zuständig.
Für das Stadtratsamt hat Schmid sein berufliches Pensum als Leiter der Sozialhilfe im Amt für soziale Sicherheit des Kantons Solothurn reduziert. Der 29-Jährige ist verheiratet und kürzlich zum ersten Mal Vater geworden.

Die Kosten für Sozialhilfe haben im letzten Jahr die 2-Millionen-Grenze erreicht. Das Budget wurde um fast 24 Prozent überschritten. Wo besteht Handlungsbedarf?

Diese Fragestellung gehört in meiner beruflichen Tätigkeit zu meinen wichtigsten Aufgaben. Wir werden genau hinschauen müssen, wo sich die Kostentreiber befinden und wie darauf zu reagieren ist.

Muss bei den Sozialen Diensten der Hebel angesetzt werden?

In den sozialen Diensten wird enorm viel und gut gearbeitet. Aber wir haben teilweise ein träges System, das meines Erachtens effizienter gestaltet werden muss. Wir möchten die Kompetenzen so verteilen, dass wir schneller reagieren können. Ich will eine schlagkräftige Sozialbehörde, die schnell auf individuelle Situationen reagieren kann. Arbeitsmarktintegration steht an erster Stelle. Nicht kooperative Klienten sollen rasch und zielorientiert sanktioniert werden. Mein grösstes Jahresziel ist eine Gesamtevaluation der Sozialen Dienste, in Bezug auf Strukturen, Kompetenzen und Prozesse.

Die Subventionierung der obligatorischen externen Kinderbetreuung wird das städtische Budget ebenfalls belasten. Wie viel wird die neue Regelung kosten?

Das Elternbeitragsreglement wurde im letzten Jahr erstellt und vom Einwohnerrat bestätigt. Im Budget 2018 sind Subventionen in Höhe von 574 000 Franken vorgesehen. Wie sich dieser Betrag in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird, hängt von der demografischen Entwicklung Lenzburgs ab. In der Praxis sieht es so aus, das der Einwohnerrat das Budget vorgibt und der Stadtrat dazu ein entsprechendes Reglement erarbeitet.

Im Februar sind Sie erstmals Vater geworden. Auf Facebook präsentieren Sie sich ganz entspannt mit Ihrer kleinen Tochter. Ist das auch so, wenn das Baby nachts nicht schlafen will?

(Schmunzelt). Wir sind in der glücklichen Lage, dass unsere Tochter bereits gelernt hat, dass es Tag und Nacht gibt. Während der Woche kümmert sich meine Frau, am Wochenende übernehme ich den «Nachtdienst».

Wo muss Andreas Schmid Abstriche machen, seit er Stadtrat ist?

(Lacht). Ich werde das Präsidium der FDP-Bezirkspartei in diesem Jahr abgeben. Mit dem Stadtratsamt habe ich ein Hobby zum Beruf gemacht, somit fällt eines davon weg. Meine drei Lebensschwerpunkte sind das Stadtratsamt, das mir wahnsinnig viel Spass macht und viel Befriedigung gibt, meine Familie, sie ist eigentlich das wichtigste, und mein Job.

Findet ein romantisches Dinner mit Ihrer Frau noch Platz in Ihrer Agenda?

(Lacht). Das ist in den letzten Monaten tatsächlich etwas zu kurz gekommen. Doch unsere Tochter hat tolle Grosseltern, die ihre Enkelin gerne ab und zu hüten werden.