Interview
Stadtplanerin Helen Bisang zur Zukunft von Lenzburg: «Die Stadt wird nicht in den Himmel wachsen»

Verdichten und gleichzeitig Grünraum schaffen, ist für Stadtplanerin Helen Bisang kein Widerspruch. Im Interview mit der Aargauer Zeitung spricht sie über Lebensqualität, Freiräume und das Bauen in die Höhe in Lenzburg.

Ruth Steiner
Drucken
Teilen
Stadtplanerin Helen Bisang bei der Kerntangente. Diese ist für die Stadtentwicklung eine Herausforderung.

Stadtplanerin Helen Bisang bei der Kerntangente. Diese ist für die Stadtentwicklung eine Herausforderung.

Sandra Ardizzone

In Lenzburg hat man sich in den vergangenen Jahren viel Gedanken gemacht, wie die Stadt dem künftigen Wachstum auf 12 000 Einwohner begegnen soll. Mit einer «Räumlichen Entwicklungsstrategie» (RES) und einem «Freiraum- und Landschaftsentwicklungskonzept» (FLEK) soll die künftige Entwicklung gezielt gesteuert werden. Kürzlich ist deren Vernehmlassung abgeschlossen worden. Stadtplanerin Helen Bisang erklärt, wie dem Anspruch der Bevölkerung auf Beschaulichkeit und Erhalt des kleinstädtischen
Charakters von Lenzburg begegnet werden soll.

Frau Bisang, was bedeutet Lebensqualität für Sie persönlich?

Helen Bisang: Lebensqualität ist eng mit Aufenthaltsqualität und sinnlichem Erleben verbunden. Wie ist die Stadt angelegt, wie spielen Bebauung und Freiräume zusammen, wie sind die räumlichen Zusammenhänge, das Licht und das Leben darin? Wie klar kann ich mich orientieren und welche Bilder, welche Erinnerungen nehme ich auf?

Finden Sie das in Lenzburg?

Zu einem grossen Teil. An bestimmten Orten lassen sich die spezifischen Qualitäten noch stärken.

Heute leben etwa 9500 Personen in Lenzburg, in Zukunft sollen es deren 12 000 sein. Ist das beschauliche Lenzburg bald Vergangenheit?

Nein, das glaub ich nicht. Beschaulichkeit oder eben ein Mangel an Beschaulichkeit in einer Stadt hängen nicht von der Anzahl Menschen ab, die da wohnen. Auch belebte Gassenräume mit Strassencafés können wir als beschaulich empfinden. Es sind verschiedene andere Faktoren wichtig.

Welche?

Die Beschaulichkeit eines Ortes definiert sich über die Atmosphäre, die auf den öffentlichen Plätzen, in den Strassenräumen und Wohnquartieren herrscht, wie wohl sich die Leute dort fühlen und wie sie sich in diesen Räumen bewegen können. Wichtig dabei ist auch, dass bestehende Situationen, die einen hohen Identifikationswert für die Menschen haben, erhalten bleiben.

An welche Orte in Lenzburg denken Sie dabei?

Im südwestlichen Teil der Stadt hat es beispielsweise sehr schöne Wohnquartiere, die über Jahrzehnte hinweg gewachsen sind - mit Gärten und altem Baubestand. Wer hier lebt oder vorbeispaziert, erlebt nicht nur den durch das Grün und die gebauten Elemente bestimmten Raum, sondern auch die Zeit: Wie die Vegetation wächst und sich im Lauf der Jahreszeiten verändert, wie Bäume wachsen und altern. Solche Bilder sind für die menschliche Psyche wichtig.

Welche Freiräume dürfen einem wachsenden Lenzburg nicht geopfert werden?

Die öffentlichen Grünräume werden alle ungeschmälert erhalten, wie das Freiraum- und Landschaftsentwicklungskonzept (FLEK) vorsieht. Der Gofi und der Schlossberg mit den bestehenden Natursteinmauern und dem markanten Schloss haben einen besonders hohen Stellenwert, da sie von verschiedenen Standorten sichtbar sind. Auch die Landschaft, das Wegnetz und die Sichtbeziehungen sind sehr wertvoll. An den Hängen können in Zukunft noch mehr Reben angebaut werden, wie man es auf Gemälden aus früheren Zeiten sieht.

Und weitere?

Mit Verbesserungen des Wegnetzes, Bezügen zum Wasser und ökologischen Massnahmen soll der Aabachraum aufgewertet werden. Beim Aabach können vier Abschnitte ausgemacht werden, in denen unterschiedliche Nutzungen Vorrang haben. Für den Gewässerraum und seine Entwicklung hat die Stadtplanung mit hiesigen Fachleuten und den Landschaftsplanern den «Masterplan Aabach» erarbeitet. Die identitätsstiftenden Bauten im Bereich «Kleinvenedig» und «Wisa Gloria» sowie die kulturhistorischen Elemente der Mühlen und der Kanalbauwerke sollen noch besser erlebbar gemacht werden.

Wie stehts mit öffentlichen Plätzen?

Hier haben wir sehr schöne Beispiele in der Stadt, die zum Teil verkehrsberuhigt sind. Wir werden bei weiteren Bauvorhaben im Anschluss an Plätze und bei Strassenraumgestaltungen auch prüfen, welche Nutzungen, Funktionen und Verkehrsregime diese in Zukunft haben könnten.

Woran denken Sie zum Beispiel?

An den Gertrud Villiger-Platz, an den Eingangsbereich beim Mülimärt oder an den Kronenplatz. Diese Aussenräume könnten besser zur Geltung gebracht werden und eine höhere Aufenthaltsqualität haben.

Als Stadtplanerin müssen Sie Lenzburg für die Zukunft rüsten. Gibt es etwas, das Sie ärgert und dessen Entwicklung Sie gerne früher mit beeinflusst hätten?

(überlegt). Der Einfluss einer Fachperson oder eines Planungsamtes darf nicht überschätzt werden. Planung erfolgt immer innerhalb von politischen und vor allem auch gesellschaftlichen Haltungen und Gegebenheiten. Im Alltag geht es um Aushandlungsprozesse und Interessensabwägungen mit den beteiligten Grundeigentümern und Akteuren mit raumbildenden Kräften. Bei der Entwicklung der im Bau befindlichen Areale weiss ich, dass die öffentlichen Interessen beim Aufgleisen der Prozesse von meinen Vorgängern sehr wohl hoch gewichtet wurden. Die Transformation ehemaliger Industrieareale, der Bauten und Räume ist wesentlich auch von partikulären Investoreninteressen beeinflusst, wie dies im Rahmen der heutigen kantonalen Gesetzgebung und der kommunalen Nutzungsplanung möglich ist. Auch bei öffentlichen Infrastrukturvorhaben ist bei Planungsentscheiden oft der finanzielle Aspekt im Vordergrund.

Was meinen Sie konkret?

Bei Fragestellungen zur Linienführung des Verkehrs oder zum Ausbau des öffentlichen Verkehrs wurden in vergangenen und in laufenden Planungen die Kostenfaktoren sehr stark gewichtet.

Sprechen Sie von der Kerntangente?

Ja, unter anderem. Aber auch von den ehemaligen Industriearealen. Hier denke ich an das Quartier «Im Lenz». An die Konservenfabrik Hero erinnern einzig noch die alte Spenglerei und die Spedition sowie die Gebäudehülle des Fabrikationsgebäudes. Ich möchte aber gerne auch über positive Resultate von Planungsprozessen sprechen.

Und die wären?

Dass man die Entwicklung der «Widmi» über ein Freiraumkonzept in die Wege leitete, weil die Gestaltungspläne nicht zum Ziel führten, war eine gute Strategie. Der Grünraum wird dereinst die einzelnen Siedlungseinheiten zusammenbinden.

In Lenzburg will man in Zukunft verdichten, gleichzeitig aber auch Grünraum schaffen. Das ist doch ein Widerspruch?

Nein, das ist eine Ergänzung. Es werden nur in wenigen gut begründeten Bereichen der Stadt Änderungen zur Gebäudehöhe oder zur Geschosszahl vorgesehen. Das heisst, die Entwicklung soll sehr differenziert geregelt werden. Bei den Arealplanungen wird die Bedingung gestellt, dass eine städtebaulich und freiräumlich gute Gesamtlösung erarbeitet wird.

Das FLEK ist Teil der in Revision stehenden Bau- und Nutzungsordnung. Hofft man damit, dass die Bevölkerung die geplante «innere Entwicklung» der Stadt «schluckt»?

Nein. Die Interventionen stützen sich auf die Vorgaben der kantonalen Richtplanung und weiterer kürzlich revidierter Gesetze. Es ist ein normaler Prozess, dass bei gleichbleibender Siedlungsfläche eine Stadt im Innern ergänzt wird. Nach der Revision des Raumplanungsgesetzes des Bundes ist das bei allen gut gelegenen Standorten der Schweiz der Fall.

Wie hoch wird in Lenzburg in Zukunft gebaut werden können?

Sehr grosse Veränderungen werden nicht möglich sein – Lenzburg wird nicht in den Himmel wachsen. Die meisten grossen Areale in der Stadt sind bebaut. Es gibt keine grossen freien Flächen mehr, wie dies bei der Widmi oder beim ehemaligen Hero-Areal «Im Lenz» der Fall war. An wenigen spezifisch geeigneten Standorten wird voraussichtlich eine Gebäudehöhe von 30 bis 36 Metern denkbar sein. Die bauliche Entwicklung wird die Silhouette von Lenzburg aber nicht wesentlich verändern.

Aktuelle Nachrichten