Lenzburg

Stadtoberförster: «Stürme und Käfer diktieren den Waldbau»

Kranke Eschen sind auf Wurzelfäulnis anfällig, erklärt Matthias Ott.

Kranke Eschen sind auf Wurzelfäulnis anfällig, erklärt Matthias Ott.

Für den massiven Holzschlag im Lenzburger Naherholungsgebiet Wyl macht Stadtoberförster Matthias Ott diverse Gründe geltend.

Weder Sturmböe Lolita noch ihre Nachfolgerin Petra konnten dem Lenzburger «Wyl» etwas anhaben. Trotzdem hat sich der Wald stellenweise kürzlich erheblich gelichtet. Im Baumbestand sind markante Lücken entstanden, zahlreiche Strünke ragen aus dem Boden. Diese Bäume sind allesamt unter der Motorsäge der Forstdienste Lenzia gefallen.

In der Öffentlichkeit hat der sichtbare Eingriff im «Wyl» zu reden gegeben. Das «Wyl» ist nämlich ein beliebtes Naherholungsgebiet und wird von Freizeitsportlern und Spaziergängern aus der Region Lenzburg gleichermassen genutzt. Über lange Strecken führt der Waldweg dem Aabach entlang von Lenzburg ins Seetal.

Die Baumfällaktion hat einen guten Grund, sagt Matthias Ott, Leiter der Forstdienste Lenzia, auf dem Weg zur grössten entstandenen Waldlücke im Wyl: «Das Eschentriebsterben, auch bekannt als Eschenwelke, macht uns zu schaffen.» Tatsächlich macht sich die aus Ostasien nach Europa eingeschleppte Baumkrankheit seit über zehn Jahren auch in der Schweiz breit. Laut Ott sind inzwischen alle Regionen in Mitleidenschaft gezogen.

Die Esche werde von zwei verschiedenen Erregern attackiert, erklärt der Stadtoberförster. «Zum einen ist es der Pilz, der über die Blätter in die Triebe vordringt, was zu deren Absterben führt.» Der geschwächte Baum werde nun zusätzlich anfällig auf Fäulnis, die von der Wurzel her langsam den Stamm hinaufschleiche. Dabei zeigt Ott auf die Baumstrünke, die alle im äusseren Bereich dunkle Strukturen aufweisen. Matthias Ott nimmt sein Sackmesser zur Hand, stochert in der schwarz gefärbten Stelle eines Wurzelstocks. Das morsche Holz lässt sich leicht entfernen. «Bis heute sind keine wirkungsvollen Massnahmen gegen das Eschentriebsterben bekannt. Wir stehen hier auf verlorenem Posten. Die befallenen Bäume zu fällen, ist der einzige Ausweg», erklärt er.

Total über 70 kranke Bäume gefällt

Zur lichten Waldstelle auf der gegenüberliegenden Strassenseite in der Wyl-Wand sagt Ott: «Das ist ein klassisches Borkenkäfer-Loch.» Über 70 Jahre alt waren die vom Käfer befallenen Fichten, die gefällt worden sind. Die Naturplagen machen dem Lenzia-Forstdienstleiter zu schaffen. «Stürme, Trockenheit, Käfer und Pilze diktieren uns den Waldbau. Manchmal ist es schon etwas deprimierend», sagt er.

Umso mehr kennt der seit wenigen Monaten amtierende Lenzburger Stadtoberförster und Leiter der Forstdienste Lenzia kein Pardon, wenn es um die Sicherheit der Waldgänger geht. «Gerade bei Naturereignissen wie den Orkanböen in den vergangenen Tagen sind kranke Bäume besonders anfällig. Sie werden entwurzelt oder brechen entzwei.» Dadurch können sie zur Gefahr für die Menschen werden.

Im gesamten Lenzia-Forst werden pro Jahr rund 9000 Kubikmeter Holz geerntet. Der Anteil an krankheits- und witterungsbedingtem Holzschlag beträgt im Durchschnitt rund einen Viertel. In ausserordentlichen Jahren, beispielsweise bei Naturplagen, kann er gut und gerne auf 80 Prozent («Burglind», 2018) oder gar auf 100 Prozent (nach «Lothar», 1999) steigen, weiss Ott.

Nebst 30 kranken Fichten wurden im «Wyl» 42 kranke Eschen gefällt. Diese Bäume werden genau unter die Lupe genommen. Der kranke Teil des Stammes wird mit der Motorsäge vom gesunden Holz getrennt, zu Holzschnitzeln verarbeitet und als Brennmaterial verwendet. Der noch intakte Stammabschnitt der Esche wird als Nutzholz verkauft. «Eschenholz eignet sich bestens zur Herstellung von Werkzeugstilen und Holzgeräten wie Schlitten oder Ruder», erklärt Matthias Ott. Eschenholz zeichne sich aus durch zähe, feste und tragfähige Eigenschaften und besitze eine hohe Elastizität. Deshalb sei das Holz auch beim Hausbau gefragt.

Das Lenzburger «Wyl» soll Mischwald bleiben

Was passiert mit den prominenten Waldlücken im Wyl? Werden sie neu bepflanzt? Matthias Ott nickt: «In der Wylwand werden wir klimaresistente Bäume pflanzen. Douglasien gehören dazu.» Etwas anders beurteilt der Lenzia-Chef die Situation auf der gegenüberliegenden Strassenseite hin zum Aabach. Hier werde man primär wohl der Natur ihren Lauf und dem Jungholz Raum zu dessen Wachstum lassen. Direkt am Aabach hingegen überlegt Ott einige Pionierbaumarten zu pflanzen. «Zitterpappeln würden dem Biber eine Nahrungsgrundlage bieten.» Tatsächlich sind nur wenige hundert Meter entfernt frische Spuren des Nagers sichtbar.

Für Stadtoberförster Matthias Ott ist jedoch klar: Die bisherige Bewirtschaftung des Wyl als Mischwald wird jedoch nicht in Frage gestellt.

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