Lenzburg

Stadtkrise wegen gefällter Kastanie: SP erhebt schwere Vorwürfe gegen SVP-Stadtrat Martin Stücheli

Die SP Lenzburg schreibt in einer Mitteilung: «Wir sind enttäuscht, empört, wütend, fühlen uns getäuscht.» Lenzburg habe nicht nur einen eindrücklichen Baum verloren – sondern auch Vertrauen in den Stadtrat. Was es mit der Stadtkrise um eine Kastanie auf sich hat.

Ein Blick auf den Stamm des umgesägten 200-jährigen Kastanienbaums (von unten und von oben) genügt, um festzustellen: So krank, wie vom Stadtrat in einer Medienmitteilung am 28. November dargestellt, kann er nicht gewesen sein. Und wer, wie die SP Lenzburg, Einblick hatte in das unabhängige Gutachten, weiss, dass der Stadtrat einseitig informierte. Oder vielleicht sogar tendenziös? Fest steht: In der Medienmitteilung hiess es, die Kastanie sei «alt und krank». Der Baum oder grössere Äste könnten schon beim nächsten Sturm fallen. Fazit: «Der Stadtrat kann die Fällung der Edelkastanie am Steinbrüchliweg 12 nach intensiven fachlichen Abklärungen – auch aus Sicherheitsgründen – nicht verhindern, verbindet seine Stellungnahme aber mit dringenden Empfehlungen an die Eigentümer.» Gemeint ist, nach der Fällung einen adäquaten Ersatzbaum zu pflanzen.

«Wir empfehlen, die Edelkastanie zu erhalten»

In einer als offener Brief an Stadtrat Martin Stücheli (SVP) verfassten Medienmitteilung macht die SP dem Stadtrat zuerst ein Kompliment: «Eigentlich hat sich die Stadt vorbildlich verhalten: Die Fällung wurde zunächst gestoppt, sofort ein Gutachten in Auftrag gegeben.» Die Qualität des Gutachtens sei sehr hoch.

Die SP erkämpfte sich Einblick in das Gutachten. Was sie dort las, hat sie erstaunt. Die Kernaussagen der Experten: «Wir empfehlen, die Edelkastanie zu erhalten…», «…der Baum (kann) weiterhin als sicher und erhaltenswert eingestuft werden» und «…aus ökologischer Sicht ist (…) das Erhalten des Baumes besonders zu empfehlen».

All diese Punkte seien in der Medienmitteilung der Stadt vom 28. November «mit keinem Wort» erwähnt worden, ärgert sich die SP. «Wir fühlen uns getäuscht.» Denn an der Einwohnerratssitzung vom 3. Dezember hätten sie die Bereitschaft erklärt, sich mit der Eigentümerschaft auszutauschen und auf den hohen Wert des Baumes hinzuweisen. «Auch die Anregung, allenfalls mittels finanzieller Hilfe (Crowdfunding) einen Beitrag zu leisten, haben wir aufgenommen und erste Zusagen von Anwohnern erhalten», so die SP.

«Inaktivität des Stadtrates nicht nachvollziehbar»

Die Partei hat einen bösen Verdacht: «Das von der Stadt in Auftrag gegebene Gutachten spricht eine solch klare Sprache, dass die erwähnte Medienmitteilung und die Inaktivität von Seiten Stadtrat nicht nachvollziehbar sind. Spielten hier noch andere Interessen, andere Verbindungen? War doch die freie Aussicht der Anwohnenden das überzeugendere Argument?»

«Enttäuscht, empört, wütend»

Die Medienmitteilung ist unterschrieben mit Vorstand und Einwohnerratsfraktion der SP Lenzburg. In einem Begleitschreiben wird betont, Stadtammann Daniel Mosimann (SP) sei bei der Behandlung dieses Geschäftes «natürlich in den Ausstand getreten». Die Medienmitteilung ist sehr scharf abgefasst. Vor allem auch vor dem Hintergrund, dass die Stimmung zwischen dem Einwohner- und Stadtrat in diesem Herbst teilweise schlecht war.

Die SP schreibt jetzt am Schluss ihrer Mitteilung: «Wir sind enttäuscht, empört, wütend, fühlen uns getäuscht.» Und: «Lenzburg hat nicht nur einen eindrücklichen Baum verloren – sondern auch Vertrauen in den Stadtrat.»

Tönt nach Staatskrise in der Stadt.

Verwandtes Thema:

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

Meistgesehen

Artboard 1