Lenzburg
Stadt Lenzburg kauft Käserei und «Milchhüsli» für 1,8 Millionen Franken

Die ehemalige Käserei und das «Milchhüsli» am Rande der Altstadt bleiben in Lenzburger Hand. Jedoch übernimmt die Einwohnergemeinde von der Milchgenossenschaft das 1524 Quadratmeter grosse Areal für 1,8 Millionen Franken.

Ruth Steiner
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Das «Chäsi»-Ensemble auf dem Theaterplatz beim altem Gemeindesaal gehört nun der Einwohnergemeinde.

Das «Chäsi»-Ensemble auf dem Theaterplatz beim altem Gemeindesaal gehört nun der Einwohnergemeinde.

Emanuel Freudiger

Einst wurden in der «Chäsi» grosse runde Käselaibe produziert und im benachbarten «Milchhüsli» verkauft. Längst sind jedoch die bäuerlichen Idylle aus den beiden Gebäuden zwischen dem alten Gemeindesaal und dem Seifi-Areal verschwunden, haben andern Fachgeschäften Platz gemacht – in der ehemaligen Käserei bietet Bio Peter Lebensmittel aus biologischer Produktion an, aus dem «Milchhüsli» ist heute ein Polstermöbel-Atelier geworden. Die Wohnung über dem Bio-Laden ist vermietet.

Seit Anfang der 90er-Jahre nutzt die Milchgenossenschaft Lenzburg die ehemalige Käserei und den Verkaufsladen nicht mehr für eigene Zwecke. Die zwei noch verbliebenen Bauernbetriebe (Kontext rechts) lassen ihre Milch von grossen Milchtransportern direkt von den Bauerhöfen abholen, die beiden Lokale in der Stadt werden seither vermietet. So klingt es plausibel, wenn die Verkäuferin als Grund für die Veräusserung «wird nicht mehr gebraucht» anführt.

Milchgenossenschaft: Zukunft offen

Die Milchgenossenschaft Lenzburg wurde 1910 gegründet. In ihrer Blütezeit zählte sie rund 50 Mitglieder. Doch das ist lange her.

Einher mit der Strukturbereinigung in der schweizerischen Landwirtschaft ging das Bauernsterben auch in Lenzburg. «Heute gibt es noch zwei Milchwirtschaftsbetriebe in der Stadt», sagt Hans Dössegger. Er betreibt einen davon (der andere ist der Gutsbetrieb der Justizvollzugsanstalt).

Heute ist Dössegger Präsident einer Genossenschaft, mit aktiven und früheren Milchproduzenten. Ob der Verkauf des Grundstücks und der Liegenschaften gleichzeitig auch die Ära der Milchgenossenschaft Lenzburg beenden, konnte Hans Dössegger nicht bestätigen: «Wir erfüllen noch kulturelle und gesellschaftliche Aufgaben für Landwirte.». (Str)

Kauf ist ein strategischer Entscheid

Vor wenigen Tagen wurde das Geschäft vertraglich besiegelt. Stadtammann Daniel Mosimann begründete den Kauf des «Milchhüsli»-Ensembles mit der 1910 erbauten Käserei und dem «Milchhüsli» (es gehörte früher zur Löwen-Apotheke und wurde im Volksmund «Gifthüsli» genannt) durch die Einwohnergemeinde als «strategischer Entscheid».

Konkrete Absichten über eine künftige Nutzung bestünden derzeit aber keine. Mosimann sagt jedoch, dass im Voraus mit dem Stadtplaner Entwicklungsmöglichkeiten für das Areal geprüft wurden.

Doch überrascht es kaum, dass ausgerechnet die Stadt das ihr von der Milchgenossenschaft angetragene Areal kauft. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich nämlich das Burghaldenensemble (Museum Burghalde, Hirzelhaus und die ehemalige Seifenfabrik), das der Ortsbürgergemeinde Lenzburg gehört. Und doch stellt sich die Frage, weshalb die Einwohner- und nicht die Ortsbürgergemeinde als Käuferin auftritt.

Dazu sagt Stadtammann Daniel Mosimann: «Die Kaufsumme liegt in der Kompetenz des Stadtrates, er hat somit rasch entscheiden können. Die Ortsbürger hätten das Geschäft an die Sommergmeind bringen müssen.» Dieser Aspekt sei für ihn jedoch zweitrangig, «wichtig ist, dass die öffentliche Hand den Kauf an der für sie bedeutsamen Lage tätigen konnte.»

Mietverhältnisse bleiben bestehen

Die beiden Ladenmieter und der Wohnungsmieter wurden vor einigen Tagen über den Eigentümerwechsel per 1. Mai informiert. Ebenso darüber, dass die Mietverhältnisse unverändert weitergeführt werden, sagt Mosimann. Trotz Handänderung müssten die Mieter nicht mit Mietzinserhöhungen rechnen.

«Milchhüsli» bleibt Zeitzeuge

Die nun verkaufte Parzelle 260 ist im Grundbuch mit der Ortslage «Theaterplatz» vermerkt. Erklärung bringt ein Blick in die Geschichtsbücher der Stadt oder ein Anruf bei alt Stadtschreiber Christoph Moser. Dieser muss nicht lange überlegen: «Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im ‹Tröckneraum› des benachbarten alten Gemeindesaals Theater gespielt. Die Liebhaber-Theatergesellschaft und weitere Akteure führten dort ihre Stücke auf.»

Das ist zwar längst Vergangenheit, doch das frühere Theaterleben hat in der Stadt nachhaltige Spuren hinterlassen – genauso wird das «Milchhüsli» als Zeitzeuge weiterhin an die Blüte bäuerlichen Wirkens in Lenzburg erinnern.

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