Fall Zumsteg
Staatsanwaltschaft Lenzburg: Chefin hat Mängel bei der Sozialkompetenz

Regierungsrat Urs Hoffmann hat über die externe Analyse der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau informiert. Er gab diese in Auftrag, weil publik wurde, wie drei Staatsanwältinnen im Streit mit ihrer Chefin sich versetzen oder krankschreiben liessen.

Thomas Röthlin
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Christina Zumsteg liegt im Clinch mit ihrer Chefin Barbara Loppacher (Bild), die mit ihren Stellvertretern die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau führt.

Christina Zumsteg liegt im Clinch mit ihrer Chefin Barbara Loppacher (Bild), die mit ihren Stellvertretern die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau führt.

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Regierungsrat Urs Hofmann hat die Krise in der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau zur Chefsache erklärt. Der Justizdirektor persönlich informierte die Belegschaft der Strafuntersuchungsbehörde gestern über die Ergebnisse einer externen Analyse.

Hofmann gab sie in Auftrag, weil publik wurde, wie drei Staatsanwältinnen im Streit mit ihrer Chefin sich versetzen oder krankschreiben liessen. «Katastrophale Zustände» des Arbeitsklimas machten die Runde (die az berichtete).

Christina Zumsteg Die Staatsanwältin Christine Zumsteg (links) wirft ihrer Ex-Chefin Barbara Loppacher Mobbing vor. Zumsteg erreichte eine Versetzung von Lenzburg nach Zofingen und zieht die Klage wegen Mobbing aber weiter.

Christina Zumsteg Die Staatsanwältin Christine Zumsteg (links) wirft ihrer Ex-Chefin Barbara Loppacher Mobbing vor. Zumsteg erreichte eine Versetzung von Lenzburg nach Zofingen und zieht die Klage wegen Mobbing aber weiter.

André Albrecht / Toni Widmer

Die Krise existiert nicht, oder zumindest nicht in einem besorgniserregenden Ausmass – so lautet das Fazit der Untersuchung. Damit betraut war das Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung Iafob aus Zürich, das sich ein unabhängiges Bild machen sollte.

Die Psychologen befragten zu diesem Zweck sämtliche 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mündlich und schriftlich, darunter auch die leitende Staatsanwältin Barbara Loppacher und jene beiden Staatsanwältinnen, mit denen der Streit noch nicht ausgestanden ist: Christina Zumsteg, die Loppacher Mobbing vorwirft und damit wohl vor Gericht geht, und ihre Kollegin, der das Departement Hofmann als Anstellungsbehörde eine Versetzung in Aussicht gestellt hat.

Note 4,3 für Barbara Loppacher

Die Analyse, die Psychologe Oliver Strohm auch der Aargauer Zeitung erläuterte, stellt der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau ein gutes Zeugnis aus. «Die grosse Mehrheit der Mitarbeitenden bejaht die Frage, ob die Leiterin (. . .) die richtige Führung darstellt», heisst es etwa im Bericht. Die Befragten konnten Barbara Loppacher eine Note zwischen 1 und 5 geben, der Schnitt beträgt 4,3.

Strohm blendet die negativen Seiten nicht aus. So schreibt er über die Chefin der grössten regionalen Staatsanwaltschaft: «Ihre Sozial-, Kommunikations- und Beziehungskompetenz stellen jedoch Schwächen dar, die beim Anspruch nach einer umfassend professionellen Leitung weiterentwickelt werden müssen. (. . .) Frau Loppacher ist sich dieser Schwächen bewusst und arbeitet nach eigenem Bekunden danach.»

Explizit als Verdienst gewürdigt wird die Tatsache, dass Loppacher im Sommer 2012 einen Vorgänger ersetzte, der gemäss Bericht durch «unzureichende Führungsqualitäten» aufgefallen war. Mit dieser erstmals in dieser Deutlichkeit gemachten Aussage ist Peter Heuberger gemeint, der heute in der Oberstaatsanwaltschaft altrechtliche Fälle abarbeitet und vor der Einführung des neuen Strafprozessrechts immerhin Erster Aargauer Staatsanwalt war.

Barbara Loppacher habe eine Top-down-Führungskultur eingeführt, «in der Sache durchaus richtig, in der Akzeptanz auch mit Widerstand verbunden». Die «kollegiale, unverbindliche» Führung durch Heuberger habe «dem einen oder anderen durchaus besser behagt».

In der «Büsi-Affäre» fallen gelassen

Beim Streit zwischen Loppacher und den Staatsanwältinnen kommt die Analyse über «Hinweise und Thesen» nicht hinaus. Zum Beispiel: «Die Konfliktsituation hat eine frauenspezifische Thematik.» Da würden sich «starke Frauen», die «Hierarchie eingeschränkt akzeptieren (. . .), in Konfliktsituationen festbeissen». Oder: Christina Zumsteg, die nach Ermittlungen wegen einer angefahrenen Katze in Kritik geraten war, fühlte sich in der «Büsi-Affäre» durch «eingeschränkte Unterstützung» verletzt.

Urs Hofmann will Strohms Empfehlungen – eine vertrauensvolle und kollegialere «Führungspolicy» – jetzt «vertieft prüfen». Dies schreibt er in einem Brief an die Mitarbeiter aller Staatsanwaltschaften. Die «Umsetzungsmassnahmen» berät er Ende Juni mit der grossrätlichen Sicherheitskommission, die ihn zu einer Aussprache eingeladen hat.

Bereits jetzt hat die Kommission Kenntnis von den aktuellen Fallzahlen in Lenzburg: Die Zahl der hängigen Verfahren sinkt stetig – dafür beurteilen die Mitarbeiter ihre Arbeitsbelastung mit Durchschnittsnote 3,8 eher kritisch. Der leitende Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer «extrem hohen Belastung». Hofmann will deshalb 17 Stellen retten, die Ende Jahr eigentlich abgebaut werden sollten.

Interview mit Regierungsrat und Justizdirektor Urs Hoffmann

Herr Hofmann, überrascht Sie das positive Resultat der Analyse über die Staatsanwaltschaft Lenzburg?

Urs Hofmann: Meine Informationen, die ich von der Oberstaatsanwaltschaft bekam, decken sich mit den detaillierten Erkenntnissen. Auch hatte ich keine direkten Rückmeldungen, dass man mit Frau Loppacher nicht zufrieden ist - das war in anderen Fällen anders. Deshalb musste ich zwar von keinem anderen Resultat ausgehen, konnte mir aber auch nicht sicher sein. Aufgrund der externen Analyse besteht nun Klarheit.

Regierungsrat Urs Hofmann. Der Justizdirektor persönlich informierte die Belegschaft der Strafuntersuchungsbehörden über die Ergebnisse einer externen Analyse der Staatsanwaltschaft Lenzburg.

Regierungsrat Urs Hofmann. Der Justizdirektor persönlich informierte die Belegschaft der Strafuntersuchungsbehörden über die Ergebnisse einer externen Analyse der Staatsanwaltschaft Lenzburg.

Keystone

Wirklich? Sie wissen ja nicht, ob die Mitarbeiter ehrlich waren, als sie in dieser heiklen Sache befragt wurden.

Es mag sein, dass man einem externen Berater nicht gerade sein Herz ausschüttet. Die beauftragten Experten haben die Interviews jedoch sehr gründlich geführt und bei Unklarheiten auch hartnäckig nachgefragt. Ich bin deshalb überzeugt, dass sich aufgrund der 45 Befragungen ein Bild ergeben hat, das der Realität entspricht.

Die Befragten äusserten sich punkto Arbeitsbelastung eher kritisch. Geht bei der Fallbearbeitung Quantität vor Qualität?

Nein, und das zeigen die aktuellen Zahlen. Bei den Strafbefehlen, die erfolgreich vor Gericht angefochten werden, fällt Lenzburg im Vergleich zu den anderen Staatsanwaltschaftsregionen nicht ab. Andererseits gehen die hängigen Verfahren zurück, was zeigt, dass man auch nicht jeden Bagatellfall zu einer ausgedehnten Ermittlung aufbläst. Personell sind wir nämlich absolut am Anschlag.

Trotzdem müssen Sie Ende Jahr 17 Stellen abbauen, die Ihnen wegen der neuen Strafprozessordnung für eine Übergangsfrist gewährt wurden.

Der Regierungsrat hat beschlossen, diese Stellen weiterzuführen - unter der Voraussetzung, dass die geplanten Strafbefehlsgebühren im Grossen Rat durchkommen. Diese sind Teil der Leistungsanalyse. Wenn wir diese Stellen abbauen, dann fallen wir unter die kritische Grösse.

Mit der Analyse ist die Mobbing-Klage von Staatsanwältin Christina Zumsteg nicht vom Tisch. Warum bieten Sie ihr nicht an, nicht mehr nach Lenzburg zurückkehren zu müssen?

Das Versetzungsbegehren ist nicht der Hauptgegenstand des personalrechtlichen Verfahrens. Im Zentrum stehen der Mobbing-Vorwurf und weitere Punkte. Mein Departement wird einen Entscheid fällen, sobald die Schlichtungskommission ihre Empfehlung abgegeben hat.