Lassen die Vorschriften für Bauten in der Altstadt zu viel Spielraum für Interpretationen, sind sie zu unpräzis formuliert?

Ja, sagt Einwohnerrat Martin Killias. Er bedauert, dass in der Vergangenheit viele historische Fussabdrücke in der Innenstadt zerstört worden sind. Im Frühling hat der SP-Mann eine Motion eingereicht, die an der kommenden Sitzung des Einwohnerrats überwiesen werden soll. Diese zielt mit einer Anpassung der heute geltenden Bauordnung auf einen verbesserten Schutz der Altstadt.

Worum geht es genau? Killias kennt die Probleme alter Häuser. Er besitzt selber eine Liegenschaft in der Rathausgasse: Unzählige kleine Räume, die sich, vor allem bei Altstadthäusern, gar über mehrere Stockwerke hinweg erstrecken. Derartige Raumkonzepte stehen im Widerspruch zu den heutigen Bedürfnissen nach grosszügigen Wohn- und Nutzflächen.

Martin Killias stört sich an der heute gängigen Praxis, wonach eine historische Baute bei einer Sanierung oft massiven Eingriffen unterzogen wird, ohne jegliche Rücksicht auf die historische Bausubstanz. Genau das passiere auch in der Lenzburger Altstadt. «Der Fassade wird Sorge getragen, sie wird mit aufwendigen Mitteln schön restauriert, im Innern jedoch wird das Gebäude ausgehöhlt, bis nur noch die Aussenmauern stehen», sagt der SP-Einwohnerrat und Strafrechtsprofessor. Am Ende verberge sich hinter der historischen und kleinräumig anmutenden Hülle oftmals ein grossflächiger moderner Innenausbau. Das sei nichts weiter als reine Täuschung und komme einem potemkinschen Dorf gleich.

«Die Altstadt, so wie wir sie jetzt kennen, ist zum grossen Teil zu einer Theaterkulisse verkommen», sagt Killias. Innerhalb von nur einer Generation habe eine gigantische Vernichtung bauhistorischer Substanz stattgefunden. Das hat er bei einer Analyse der Altstadthäuser festgestellt und folgert: «Aus denkmalpflegerischer Sicht kommt das einer Ausbombung im Zweiten Weltkrieg gleich.»

Ausnahme ist die Regel

Lenzburg verfügt über eine Bauordnung, welche vom 22. Mai 1997 datiert. Doch findet Strafrechtsprofessor Killias, diese lasse eindeutig zu viel Spielraum für Interpretationen zu. Darin stehe zum Beispiel, dass die Altstadt mit ihren charakteristischen Elementen erhalten und erneuert werden soll. Der Begriff «erneuert» lockert nach Auffassung von Killias «die Priorisierung des Schutzes bereits in gefährlicher Weise auf, weil erneuern mit abbrechen synonym ist und im Baureglement die gleiche Gewichtung geniesst wie erhalten.» Genauso sei die Praxis in den vergangenen Jahren auch gehandhabt worden. Während in der Bauordnung steht, es gelte ein Abbruchverbot mit Ausnahmen, so seien die Ausnahmen längst zur Regel und die Regel zur Ausnahme geworden, sagt er. «Würde es nicht so rassistisch klingen, würde ich sagen, wir haben italienische Zustände.»

Mit der vorgesehenen Revision der Bauordnung sollte laut Killias insbesondere dem Abbruch beziehungsweise der Auskernung von historisch wertvollen Gebäuden einen Riegel geschoben werden. «Es ist das Hausinnere, das lebt und eine Geschichte zu erzählen hat.» Diese Biografien sollen künftig erhalten bleiben. Im Grundsatz will Killias erreichen, dass massive Eingriffe in Gebäude, deren Bausubstanz im Wesentlichen mehr als hundert Jahre alt sind, ohne vorherige bauarchäologische Untersuchung verunmöglicht werden.

Motion hat wohl kaum Chance

Martin Killias hat sein Haus in der Altstadt nach dem Kauf vor einigen Jahren saniert. Der bauhistorischen Substanz mit all ihren Nachteilen hat er dabei Sorge getragen, sagt er bei der Besichtigung der vielen kleinen Räume, deren ursprüngliche Deckenhöhe erhalten wurde. Hier hat Killias eine Wohnung und seine Firma mit fünf Angestellten eingerichtet. Im Parterrelokal ist ein Laden eingemietet. «Mit etwas Kreativität kann auch in den vorgegebenen kleinräumigen Strukturen etwas Schönes geschaffen werden», ist er überzeugt. Mit der Motion will Killias zudem erreichen, dass der Ortsbildschutz mit weiteren massiven Eingriffen nicht sukzessive verloren geht. Er ist ebenso überzeugt, dass es falsch ist, ein Gebäude aus momentanen Profitüberlegungen abzubrechen und neu aufzubauen. «In einer schönen Altstadt haben die Objekte mehr Wert. Die Leute sind bereit, dafür einen höheren Preis zu bezahlen.»

Ob Sozialdemokrat Killias mit seinem Anliegen beim Einwohnerrat durchdringt? Laut Stimmen aus den Parteien dürfte die Motion am kommenden Donnerstag wohl eher einen schweren Stand haben, und zwar von rechts bis in die eigenen linken Reihen. Dort heisst es zwar, man sei froh, dass Killias das Thema aufnehme. Änderungen zur heutigen Praxis werden von verschiedenen Seiten in der anstehenden Teilrevision der Bau- und Nutzungsordnung angestrebt.