Lenzburg
Sophie Haemmerli-Marti: Unsere Dichterin und Denkerin

Exakt 150 Jahre nach ihrem Geburtstag wurde das Jubiläumsjahr von Sophie Haemmerli-Marti begonnen.

Janine Gloor
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Christoph Moser würdigt in seiner Ansprache das Leben von Sophie Haemmerli-Marti (rechts auf Plakat). Die Flagge mit der Kirche auf der Brücke gehört Othmarsingen, dem Geburtsort der Dichterin.

Christoph Moser würdigt in seiner Ansprache das Leben von Sophie Haemmerli-Marti (rechts auf Plakat). Die Flagge mit der Kirche auf der Brücke gehört Othmarsingen, dem Geburtsort der Dichterin.

Janine Gloor

«Sehr geehrte Damen.» Mit diesen Worten begann alt Stadtschreiber Christoph Moser seine Rede zum Leben von Sophie Haemmerli-Marti, mit der er das Gedenkjahr der Dichterin eröffnete. Ob er sich aktiv entschieden hatte, nur die weiblichen Anwesenden zu begrüssen, bleibt unklar. Möglich ist jedoch, dass die Männer vor lauter Nervosität untergingen. Christoph Moser ist das Reden vor Publikum gewohnt. Doch am Sonntagabend ging es um eine Dame, die ihm speziell am Herzen liegt – «unsere Dichterin». «Es kann sein, dass es mich rührt und die Augen etwas feucht werden. Dann kann ich nicht mehr so gut lesen», sagte er.

Das Leben der Sophie Haemmerli-Marti: Als Bauernmädchen geboren


Sophie Haemmerli-Marti hat mit ihrem Werk die Mundart-Dichtung geprägt. Ihre Reime wurden von Generationen von Kindern aufgesagt und gesungen. In ihren Gedichten für Erwachsene schrieb sie über die Liebe, das Leben und die Rolle der Frau. Die Dichterin wurde am 18. Februar 1968 in Othmarsingen geboren. Sie wuchs auf dem elterlichen Bauernhof auf. Ihr Vater war Gemeindeammann, Grossrat und 40 Jahre Verwaltungsrat der «Hypi» Lenzburg. Die Mutter hatte ein Herz für notleidende Menschen und lehrte ihre Kinder, was Barmherzigkeit ist. Neben den Eltern prägte Sophie die Natur.

Sie besuchte das Lehrerinnenseminar und arbeitet kurz als Lehrerin. 1890 heiratete sie den Lenzburger Arzt Max Haemmerli, 1891 kam die älteste von vier Töchtern zur Welt. Die Ehe war eine glückliche, Max Hämmerli unterstütze seine Frau in ihrer Schreibtätigkeit und bei ihrem Einsatz für die Frauenrechte. Die Dichterin half in der Praxis ihres Mannes mit, erzog ihre Mädchen und schrieb spätabends Zeile für Zeile. Über zehn Bände mit Gedichten und Liedern hat sie herausgegeben. 1931 starb ihr Mann bei einem Unfall. Darauf verliess Sophie Haemmerli-Marti Lenzburg und zog nach Zürich, wo sie am 19. April 1942 verstarb. (JGL)

Der Eröffnungsanlass für das Gedenkjahr fand nicht grundlos am 18. Februar statt: Genau an diesem Datum vor 150 Jahren kam Sophie Haemmerli-Marti zur Welt. In Othmarsingen. Diesem Umstand haben die Organisatoren Rechnung getragen: Im Team, das das Jubiläumsjahr mit über 15 Anlässen geplant hat, ist auch eine Delegation aus Othmarsingen dabei. Die Organisatorinnen und Organisatoren waren erfreut über das Interesse am Auftakt. Unter den Arkaden reihte sich Velo an Velo, im Alten Gemeindesaal war jeder Platz besetzt und an den Seiten stand das Volk Schulter an Schulter.

Erste Jugendfestrednerin

Sophie Haemmerli-Marti hat 1896 als erstes Werk den Band «Mis Chindli» mit Kinder- und Muttergedichten herausgegeben. Urs F. Meier erzählt, dass es in seiner Jugend kein Fest ohne einen Reim der Dichterin gegeben hätte. Er ist Präsident der Stiftung Museum Burghalde, die die Idee zum Jubiläumsjahr stiftete. Viele der Verse wurden vertont und sind zu Kinderliedern geworden, die auch heute noch in aller Ohr sind.

1896

erschien Sophie Haemmerli-Martis erster Liedkranz «Mis Chindli» für junge Mütter. Schon als Schülerin hat sie gedichtet, damals aber noch nicht auf Mundart. Auf dem Schulweg soll sie jeweils Zettel mit ihren Versen in das Astloch einer Buche gesteckt haben.

Auf der Bühne hat ein Chor aus 39 Kindern aus Lenzburg und Othmarsingen vorgeführt, wie schön die liebevollen und eingängigen Reime aus Kinderkehlen schallen. Beim wohl berühmtesten Lied «Eusi zwöi Chätzli» und beim Kanon «Jede Morge» durfte das Publikum mitsingen und einen Ohrwurm mit nach Hause nehmen. Wer mehr von Sophie Haemmerli-Marti hören möchte, kann vor dem Alten Gemeindesaal in der Poesiekabine zum Hörer greifen.

Doch Sophie Haemmerli-Marti hat nicht nur herzige Kinderreime geschrieben. Sie sei eine fortschrittliche Frau gewesen, deren Worte in eine andere Zeit wehten, sagte Christoph Moser. Mit ihrem eigenen Sinn für Gerechtigkeit habe es sie beschäftigt, dass die Schweizer Frau in der Politik nichts zu sagen und im Beruf hinten anzustehen habe. Sophie Haemmerli-Marti widmete diesem Thema ihr Gedicht «D Frau deheim und dusse».

Wie sehr sie die Gedanken dazu gewälzt haben muss, zeigen die 12 Seiten mit immer wieder geänderten Entwürfen im Stadtarchiv. Über die berufstätige Frau schreibt sie: «Uf em i fehlt immer s Tüpfli: Ganzi Arbet, halbe Lohn.» Und weiter: «S Schwizerland brucht Ma und Frau. Lönd is rote, hälfe, dänke – Und lo stimme lönd is au!» Wie die Frauen 1971 endlich stimmen durften, erlebte die 1942 verstorbene Sophie Hämmerli-Marti nicht mehr. Doch 1928 war sie es, die als erste Frau in der Stadtkirche die Jugendfestrede hielt. Vielleicht war Christoph Mosers Anrede an die Damen doch kein Versehen. Sondern eine Hommage an die Dichterin und die Frauen, für die sie sich schon vor 100 Jahren eingesetzt hatte.