Das Handy von René Gehrig (30) klingelt. Der Ton, urchige Schwyzerörgelimusik, ist wie geschaffen für die momentane Lebenssituation des jungen Landwirts: Vor ein paar Tagen zügelten er, seine Eltern und Helfer 28 Kühe und Rinder an den Dorfrand, an den Chisacherweg. Dort betraten die Kühe laut muhend ihren neuen Freilaufstall.

Ein richtig kleiner Alpaufzug sei das gewesen, erinnert sich René Gehrig lachend. «Mit Bändern behielten wir die Kühe auf der Strasse, damit sie nicht alle Gärten und Gemüsebeete der Ammerswiler vertrampelten.»

Lange hätte die Familie Gehrig nicht mehr mitten im Dorf leben können. Der Platz war eng, die Infrastruktur veraltet, und spätestens 2013 hätte man den Stall modernisieren müssen. Deshalb siedelte sie aus. Den Hof im Dorf hat sie verkauft, der neue Besitzer wird das Gelände überbauen.

Weniger Milch als sonst

Für den jungen Landwirt und seine Eltern Ruth und Oskar Gehrig waren es emotionale Momente, als sie ihre Kühe aus dem alten Stall herausbrachten. Wehmütig einerseits, weil der Vater in diesem Bauernhaus aufgewachsen ist, glücklich andererseits, weil für die Familie ein Traum in Erfüllung gegangen ist. «Jetzt können wir so bauern, wie wir es uns gewünscht haben», sagt René Gehrig.

Stolz zeigt er auf das luft- und lichtdurchlässige Ökonomiegebäude, das Aussicht aufs Ammerswiler Kirchlein bietet und am Waldrand liegt. Unterteilt in Lauf- und Liegeflächen können die Tiere selbst bestimmen, wohin sie gehen wollen. In einem abgetrennten Teil werden sie gemolken. An ihr neues Leben müssten sich die Tiere erst noch gewöhnen, meint Gehrig. Alles sei neu für sie. Das ist auch der Grund, wieso die Tiere momentan weniger Milch geben als sonst.

Probleme mit kantonaler Behörde

Sechs Jahre hat die Bauernfamilie für ihren neuen Siedlerhof gekämpft. Zuerst ging es darum, einen Platz zu finden, der die erforderliche arrondierte Weidefläche von vier Hektaren aufwies. Die Verhandlungen mit der kantonalen Abteilung Landwirtschaft dauerten, man besichtigte allfällige Standorte, suchte nach Lösungen, um mit anderen Landbesitzern Flächen abzutauschen.

Als man endlich am Chisacherweg fündig wurde, schaltete sich die kantonale Abteilung für Landschafts- und Ortsbildschutz ein. Damals befand sich der Siedlerhof noch in der Landschaftsschutzzone, 2010 stimmte die Gemeindeversammlung jedoch der Umnutzung in ein sogenanntes Siedlungsei zu. Die Gemeinde sei stets hinter ihren Plänen gestanden, sagt René Gehrig.

Er erzählt, dass der Landschafts- und Ortsbildschutz die Landschaft am Chisacherweg zu erhaltenswert fand, um sie zu überbauen. «Die Abteilung konnte sich mit dem Bauvorhaben nicht anfreunden und verlangte viele Änderungen, darunter eine niedrigere Siloanlage.

René Gehrig hat beim Stallbau mitgeholfen. Dabei liess er seine Erfahrungen einfliessen, die er als Bauarbeiter bei der Landwirtschaftlichen Baugenossenschaft Aargau in Scherz erworben hat.

Pferde werden noch gezügelt

Mitte September greift er wieder zu Handwerkzeug, wenn er mit dem Bau des Wohngebäudes neben dem neuen Stall beginnt. Der Landwirt hofft, im nächsten Frühling ins neue Zweifamilienhaus einziehen zu können. Seine Eltern werden unten, er und seine Partnerin im oberen Stockwerk leben.

Spätestens dann leben auch die vier Pferde am Chisacherweg. Sie seien eine richtige «Rösselerfamilie», findet René Gehrig. «Mein Vater war in der Kavallerie, ich und mein Bruder im Train und meine Mutter nahm an Dressurprüfungen teil.» Heute spannt René Gehrig seine Pferde gerne vor den Wagen.

Neues Haus am alten Ort

An den Chisacherweg auszusiedeln, brauchte für René Gehrig Mut. Er dachte an andere landwirtschaftliche Erwerbszweige, etwa an den Aufbau einer Fohlenweide oder die Aufzucht von Rindern. Auch hätte er auf den Bau zurückkehren können. Das wäre wohl weniger aufwendig für ihn gewesen, als – so wie er es jetzt tut – Landstücke, die weit voneinander weg liegen, zu bewirtschaften.

Nein, Gehrig wollte Bauer bleiben. «Mein Herz schlägt für die Landwirtschaft.» Das gebe ihm eine besondere Beziehung zur Natur und man sei sein eigener Herr und Meister. Die Siedlung am Chisacherweg bietet ihm die beste Grundlage dazu.