Unterwegs in Lenzburg
So sexy wie die Paarung zweier Schnecken

Lea Grossmann (39) lebt in Lenzburg, war als FDP-Politikerin aktiv und schreibt Geschichten, zu lesen unter onlinegeschichten.ch. Für die az hat sie eine Kolumne. Heute über die Bahnhofsstrasse von Lenzburg.

Lea Grossmann
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«Es ist in etwa so sexy wie dem Paarungsverhalten zweier Schnecken zuzuschauen.»

«Es ist in etwa so sexy wie dem Paarungsverhalten zweier Schnecken zuzuschauen.»

Wenn ich Bahnhofstrasse denke, fallen mir Adjektive wie mondän, exklusiv, kultiviert, lebensfreudig und so weiter ein. Ich sehe vor meinem geistigen Auge edle Modeboutiquen, schicke und trendige Kaffees und Weinstuben, die die breite, gut ausgebaute und verkehrsarme Allee säumen. Ich sehe fröhliches Lachen, sich unterhaltende Menschen, Damen und Herren, die mit vollen Einkaufstaschen in Richtung Bahnhof schlendern. Lebenslust und Leichtigkeit des Seins pur.

Dann schweife ich in Gedanken nach Lenzburg und komme in der harten Realität an. Alle vorgängig genannten Assoziationen zerbröseln wie ein Teil des Asphaltes, welcher die Bahnhofstrasse in Lenzburg bedeckt – beziehungsweise bedecken sollte. Es gibt für mich nichts Langweiligeres, als nach einer Reise mit der Bahn die Bahnhofstrasse hinunter zu spazieren. Es ist in etwa so sexy wie dem Paarungsverhalten zweier Schnecken zuzuschauen.

Aber alles schön der Reihe nach: Spazieren wir in Gedanken zusammen vom Bahnhof Richtung Altstadt. Zum Bahnhofplatz äussere ich mich an dieser Stelle nicht. In den letzten Jahren wurde schon (zu) viel darüber diskutiert und lamentiert. Nach dem Kreisel – oder wie man dieser klitzekleinen Bodenerhebung sagen möchte – startet die Bahnhofstrasse. Rechts begrüsst uns ein Geschäftshaus, so wie ein Geschäftshaus einen eben begrüssen kann. Links ist eine Baustelle, wo ein weiteres Geschäftshaus entsteht. Diese zeigt dem Besucher auch gleich unverblümt, was einem in Lenzburg und der Umgebung erwartet: eine Baustelle nach der anderen.

Spazieren wir weiter. Wer gerne Schaufenstershopping betreibt, wird arg enttäuscht. Zu sehen gibt es nämlich nicht viel. Die unzähligen Autos und Busse brausen an einem auf der buckligen Strasse vorbei, die Velofahrer auf dem schmalen, für sie bestimmten Trottoir-Streifen schlängeln sich zwischen den Fussgängern hindurch. Dann, nach der Hälfte des Weges, kommen die ersten Lichtblicke: Versteckt, aber immer noch da: die Schlossparfümerie. Daneben der Italiener mit Spezialitäten, bei deren Anblick ich schon dick werde, was sich beim Kauf eines Abendkleides im daneben liegenden glamourösen «La Robe» eher negativ auswirken würde. Auf der anderen Strassenseite hat ein windiger Unternehmer aus dem Seetal einen attraktiven Laden mit einer für Lenzburg exklusiven Preispolitik eröffnet.

Dann ist der Spuk vorbei. Die Bahnhofstrasse wird durch die Kernumfahrung – oder treffender: die Ortsdurchquerung – unterbrochen. Auch wenn sie noch weiter bis zum Hypiplatz geht, beende ich hier den Spaziergang und schlendere weiter durch den Mülimärt, der zwar altbewährt und vertraut ist, aber auch nicht gerade ein Highlight darstellt.

Was könnte jetzt Lenzburg tun, um die Bahnhofstrasse attraktiver zu gestalten? Ich bin für ein gedecktes Rollband. So ähnlich wie am Flughafen. Man kann damit nicht nur der Tristesse der Bahnhofstrasse schneller entkommen, sondern so ein Rollband wäre ein Touristenmagnet für sich, der dafür sorgt, dass ganz bestimmt alle Besucher des «Hauses der Gegenwart» auch die Lokale in der Altstadt beleben würden. Zwei Fliegen mit einer Klappe!