JVA Lenzburg
So feiern 300 Straftäter hinter Gittern – alle Religionen sind gleich viel wert

In der JVA und im Zentralgefängnis in Lenzburg sind 300 Männer inhaftiert. Sie kommen aus aller Welt mit unterschiedlichen Religionen, Riten und Gebräuchen. Wie wird in einem solchen Ort das Christfest begangen?

Ruth Steiner
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Hinter Gittern sind alle Religionen gleich viel wert

Hinter Gittern sind alle Religionen gleich viel wert

Alex Spichale
Gefängnisseelsorger Mark Schwyter und JVA-Mitarbeiter Andreas Ramseier (v.r.).

Gefängnisseelsorger Mark Schwyter und JVA-Mitarbeiter Andreas Ramseier (v.r.).

Alex Spichale

Diese Stätte soll nichts und niemanden ausschliessen. Sie soll vereinen: Verschiedene Kulturen, verschiedene Glaubensrichtungen: Christen, Buddhisten, Muslime, Juden ... Diesen Eindruck erhält der Besucher beim Betrachten der prominent an der Wand angebrachten Tafel mit verschiedenen Weltreligionen. Die Symbole sind aus einem Guss gemacht.

Den kahl wirkenden, weiss getünchten Raum dominieren riesige Pfeifen der eingebauten Kirchenorgel. Ansonsten hat es ein paar wenige Tische und Stühle. Farbtupfer ist ein Adventskranz auf einem Tischchen mit vier grossen bordeauxroten Kerzen, als Vorbote auf das nahende christliche Weihnachtsfest. Rot sind auch die Vorhänge vor den vergitterten Fenstern. Auf dem Fenstersims steht ein bunter Blumenstrauss. Gefertigt aus Seife – von einem Strafgefangenen. Die meisten, die diesen Raum betreten, sind eingeschlossen. In der Justizvollzugsanstalt Lenzburg (JVA). Der überkonfessionelle Mehrzweckraum entstand für fünf Jahren aus der ehemaligen Malerei.

In der JVA und im Zentralgefängnis in Lenzburg sind 300 Männer inhaftiert. Sie kommen aus aller Welt mit unterschiedlichen Religionen, Riten und Gebräuchen. Wie wird in einem solchen Ort das Christfest begangen? Fühlen sich Andersgläubige durch die Feiern provoziert? Andreas Ramseier, in der JVA für Bildung und Freizeit zuständig, schüttelt den Kopf. «Nein», sagt er, «die Andersgläubigen wissen, dass hier das Christfest gefeiert wird.» Doch will man keine religiösen Konflikte schüren: Die Weihnachtsdekoration in der JVA fällt dezent aus mit ein paar Tannenzweigen in den langen Gefängnisgängen – dies hat jedoch auch feuertechnische Sicherheitsgründe.

Religiöse Herkunft unwichtig

In der JVA finden die Weihnachtsfeiern bereits am kommenden Wochenende statt. Im Andachtsraum steht dann ein grosser, festlich geschmückter Weihnachtsbaum. Die Häftlinge müssen sich anmelden, wenn sie an einer Feier teilnehmen wollen. Die Plätze im Raum sind beschränkt, an mehreren Anlässen teilnehmen ist aus Kapazitätsgründen nicht möglich. «Die Feiern werden sehr geschätzt», sagt Ramseier. Die eigene Konfession spielt in solchen Momenten eine untergeordnete Rolle, die Inhaftierten sind dankbar für jede Abwechslung, die sich ihnen hinter den Gefängnismauern bietet. «Die Strafgefangenen sind bei solchen Gelegenheiten fröhlich und aufgestellt. Der Koller kommt später, während der Weihnachtstage. Dann ruht auch in der JVA das Gewerbe.

«Während draussen im Lande Weihnachten gefeiert wird und unter dem Tannenbaum Lieder gesungen werden, sitzen die Strafgefangenen allein auf ihren Zellen», erklärt Ramseier. Im Gefängnis sind die Feiertage trist: lange und nicht selten traurige Tage für die Häftlinge. Viele von ihnen hätten keinen Kontakt mehr zu den Familien. Ein schwieriger Moment – auch für die Gefängnisseelsorge. «Die Situation kann von der Gefängnisseelsorge nicht aufgefangen werden», erklärt Mark Schwyter. Der 48-Jährige ist seit Anfang Jahr als reformierter Pfarrer und Seelsorger in einem Teilzeitpensum in der JVA tätig. Er unterstützt die Strafgefangenen, damit sie mit ihrer Situation im Gefängnis umgehen können.

JVA-Chörli gegründet

Gemeinsam mit seiner katholischen Kollegin Anna-Marie Fürst hat Schwyter erstmals eine Weihnachtskarte produziert. Auf dem Bild halten zwei zu einem Herzen geformte Hände eine leuchtende Kerze. «Wir wünschen Ihnen und Ihren Lieben von ganzem Herzen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein neues Jahr voller Licht, Segen und neuem Leben», steht auf einem Einlageblatt. «Wer will, kann das Blatt herausnehmen und die Karte weiterverwenden.»

Das «Christkind» denkt an die JVA-Insassen. Unter dem Weihnachtsbaum hat es für jeden ein Geschenk. Für jeden gibt es 50 Franken aus der Weihnachtskasse. «Das Geld ist dafür gedacht, dass die Männer ihren Kindern etwas zukommen lassen können», erklärt Ramseier. Sie verfügen kaum über eigene Mittel.

Nicht nur das Christfest wird gefeiert. «Wir wollen verschiedenen Religionen die Möglichkeit geben, ihre Traditionen zu pflegen», sagt Seelsorger Schwyter. Im Januar wird beispielsweise das christlich-orthodoxe Weihnachtsfest gefeiert, ebenso das Fest zum Ramadan im Mai/Juni. Unter dem Jahr finden regelmässig Gottesdienste statt. Diese werden von Mark Schwyter, Anna-Marie Fürst und von Prison Fellowship, einer weltweit tätigen Vereinigung zur Unterstützung Strafgefangener, durchgeführt.

Zurück zur Weihnachtsfeier: In diesem Jahr ist noch eine externe Musikformation für die musikalische Umrahmung der Feier besorgt. Doch das ist vielleicht schon im nächsten Jahr anders: Pfarrer Mark Schwyter hat vor kurzem ein Gefängnis-Chörli gegründet. Sieben Männer machen bisher mit.