JVA Lenzburg
Sie war die erste Turnlehrerin für die weiblichen Strafgefangenen

Henriette Schatzmann führte als junge Frau das Frauenturnen in der Strafanstalt Lenzburg ein. Das war in den 1950er-Jahren. Fit ist die 94-Jährige heute noch.

Barbara Vogt
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Henriette Schatzmann, erste Turnlehrerin für die weiblichen Strafgefangenen in der JVA Lenzburg
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Die Wäscherei im Jahre 1923. In diesem Raum turnten später die Frauen.
Am Turnfest in der Strafanstalt von 1954 durften nur Männer turnen. Die Frauen schauten zu.

Henriette Schatzmann, erste Turnlehrerin für die weiblichen Strafgefangenen in der JVA Lenzburg

Chris Iseli

Heute geht Henriette Schatzmann noch ins Altersturnen. Und draussen spazieren. Doch dafür müsse sie sich bei dieser Kälte schon einen «Schupf» geben, sagt die 94-jährige Dame augenzwinkernd, während sie es sich auf dem Biedermeiersofa in ihrer geschmackvoll eingerichteten Wohnung in Schöftland gemütlich macht. Ihre blassgrauen Augen leuchten, an ihrem Pullover steckt eine Brosche in Form eines goldenen Hufnagels. Bis 90 spielte sie Tennis, «allerdings nur noch im Doppel, allein wäre es zu anstrengend gewesen.»

Sie war eine junge Fürsorgerin, als sie in den 1950er-Jahren in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg das Frauenturnen einführte. «Die Frauen waren dick und unbeweglich. Sie konnten ja nichts anderes tun als herumsitzen. Ich fand etwas Bewegung schade ihnen nichts.» Henriette Schatzmann hatte keinen blassen Schimmer, wie sie diese Turnstunden gestalten sollten. Doch einmal im Kopf, liess sie die Idee nicht mehr los.

Damals waren in einem der fünf Gefängnistracks noch Frauen untergebracht. Henriette Schatzmann erinnert sich haargenau, wie es da aussah: ein langer grauer Gang, links und rechts Einzelzellen. Nicht mehr als acht Frauen sassen im Gefängnis, viele Zellen waren leer. 1962 wurden die Frauen dann von Lenzburg in die neue Haftanstalt für Frauen in Hindelbank verlegt.

«Wo soll ich die Turnstunden bloss durchführen?» Henriette Schatzmann grübelte. Platz dafür gabs nirgends wirklich. Das Gefängnis hatte keine leeren Räume, und im kalten Gang konnte man die Frauen auch nicht turnen lassen. Blieb die Wäscherei, in der die Männer tagsüber die schmutzige Wäsche wuschen. Komfortabel war es da nicht, aber immerhin, die Männer räumten alles weg und trockneten den Boden für die Frauen.

Jeden Mittwochabend, nachdem die Frauen mit ihren Näh- oder Flickarbeiten fertig waren und gegessen hatten, gingen sie in die Wäscherei. Sie durften sich extra bequeme Trainer für die Turnstunde kaufen. Henriette Schatzmann war eine fröhliche, kreative Turnlehrerin. Sie machte keine Ausbildung für ihren Turnunterricht. Studierte einfach nach Gutdünken Übungen ein. «Wir bewegten Arme und Beine, für mehr war in der Wäscherei auch gar nicht Platz. Wir konnten uns nicht einmal auf den Boden legen, geschweige mit einem Ball oder Reifen spielen.» Die Frauen dehnten, beugten, streckten sich. Lockerten ihre Muskeln und stärkten ihre Rücken. Manchmal hatten sie es auch lustig und lachten miteinander. Für eine Stunde hatten die Insassinnen Abwechslung, fühlten sich weniger alleine im Gefängnis. Abnehmen taten sie nicht wirklich.

Turnstunden in Königsfelden

An schönen Sommerabenden erlaubte Henriette Schatzmann den Frauen, sich im Gefängnishof zu bewegen. Sie konnten sich ins Gras legen, doch dazu genierten sie sich. Sie hatten nämliche heimliche Beobachter: Aus den umliegenden vergitterten Fenstern versuchten die Männer verzweifelt einen Blick auf die Turnerinnen zu erhaschen. Das war natürlich verboten. Doch die Männer waren ausgehungert, sehnten sich nach einem weiblichen Anblick.

Die Turnstunden von Henriette Schatzmann sprachen sich herum. Bis in die Psychiatrische Klinik Königsfelden. Sie wurde angefragt, ob sie ebenfalls einmal pro Woche mit den dortigen Patienten turnen wollte. Sie wollte. Der Ort war etwas nobler als in der Strafanstalt in Lenzburg, denn die Stunden wurden im Festsaal mit Parkettboden abgehalten.

Hier konnten sich die Turner auf den Boden legen und hatten mehr Platz. Sie alle waren nett zur Turnlehrerin. «Ausser einem jungen Mann, der war einmal frech zu mir», erinnert sich Henriette Schatzmann. Später gab es in der Psychiatrischen Klinik eine Turnhalle, fortan fanden die Turnstunden dort statt.

Frauen Arbeit vermittelt

Henriette Schatzmann sorgte sich nicht nur um die Fitness der Frauen in der Strafanstalt Lenzburg. Ihre Hauptaufgabe war es, ihnen auf ihre Entlassungen hin Arbeit und Unterkunft zu vermitteln. Sie blieb auch danach mit den Frauen in Kontakt.

Sie war im Oktober 1943 als junge Frau aus Burgdorf in den Aargau gekommen und arbeitete als Fürsorgerin gleich für drei Institutionen: für den Aargauischen Verein für Schutzaufsicht- und Entlassenfürsorge, für die Aargauische Gesellschaft für Alkoholkranke sowie für den Hilfsverein für Geisteskranke. Sie habe viele traurige Schicksale erlebt, erzählt Henriette Schatzmann. Aber sie sei auch unter Druck gestanden, die Frauen unterbringen zu können. Oft hätten sie nach ihrer Entlassung aus der Strafanstalt als Hauswirtschaftsangestellte gearbeitet und gleichzeitig bei diesen Familien wohnen können. «Da lebten die Frauen in einem geschützten Umfeld. Ausserhalb der Gefängnismauern sprachen sie ungern über ihre Vergangenheit», sagt Henriette Schatzmann.

1977 heiratete sie den Schöftler Tierarzt Hermann Schatzmann. Von der Fürsorgerin wurde sie zur «Handlangerin», denn sie half ihrem Ehemann in seiner Tierarztpraxis. Sie liebte es: «Ich hatte keinen Druck mehr. Das war wie Himmel auf Erden.»