Meisterschwanden
Sie verbindet eine echte Freundschaft: Zusammen holten sie auf dem Estrich die Engelsflügel

Emma Battiston und Regine Remund bescherten einst den Frauen und Männern im Meisterschwander Bürgerheim schöne Weihnachten.

Katja Schlegel
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Das ganze Jahr über freuten sich die Spittel-Bewohner auf den Besuch von Emma Battiston (l) und Regine Remund.

Das ganze Jahr über freuten sich die Spittel-Bewohner auf den Besuch von Emma Battiston (l) und Regine Remund.

CH Media

«Ich weiss noch gut, wie sie am Fenster sassen und schauten. Jedes Mal, wenn ich am Haus vorbeigegangen bin», sagt Emma Battiston-Fischer (77). Immer hätten sie eine Freude gehabt, sie zu sehen. «Die haben das ganze Jahr über auf Weihnachten und auf unseren Besuch gewartet», sagt Regine Remund-Fischer (78) und lacht.

Denn an Weihnachten, da gab es Geschenke. Geschenke für die Ärmsten im Dorf, für die Bewohner des Meisterschwander Bürgerheims am Schachenweg, dem sogenannten Spittel. Für die Handvoll Armen «auf dem Schub», wie man damals sagte. «Das waren die, die so arm waren, dass sie in ihre Bürgerorte abgeschoben wurden, wo sie ihren Lebensabend verbrachten», sagt Emma Battiston.

In Meisterschwanden lebten um 1950 drei Männer und drei Frauen im Spittel. Die Männer halfen manchmal im Stall des angeschlossenen Bauernbetriebs. «Aber ansonsten sassen sie einfach da, schauten aus dem Fenster und warteten darauf, dass es Abend wurde. Oder eben, dass es Weihnachten wurde.»

Als die Leute noch von weit her kamen

Regine Remunds Eltern gehörte der Bauernbetrieb neben der Chäsi, Emma Battistons Eltern führten damals in zweiter Generation das Restaurant Delphin. Damals, als der See noch jeden Winter zufror und die Leute von weit her kamen, um Schlittschuh zu laufen.

«Ich musste jeweils mit dem Korb am Arm auf dem Eis Sandwiches und Würste verkaufen», erinnert sich Emma Battiston. Und als einziges Meitli auf dem Eishockeyfeld stand sie im Goal und sah regelmässig das Feuer im Elsass, wenn ihr die Buben aus dem Dorf den Puck an die ungeschützten Schienbeine knallten.

Emma und Regine halfen natürlich auch im Restaurant mit. Regine verdiente sich an Sommertagen einen Batzen mit Gläserspülen. Und Emma betreute bereits mit zarten neun Jahren eigenständig ganze Reisegruppen. Manchmal sei einer der Spittel-Insassen, der Liri-Fritz, zu ihr an den Tresen gekommen und habe eine Brissago verlangt, so ein langes, krummes Stümpli.

Aber nicht oft. «Meist rauchten sie, was andere fortgeschmissen hatten.» Da waren zwei alte, schmächtige Männchen, Walter und Ruedi, Letzterer mit nur einem Ohr, die nicht wussten, wie alt sie sind. «Sie liefen dem Strassenrand entlang und suchten nach fortgeschmissenen Kippen.»

Alte Vorhänge als Schleier, eine Krone auf dem Kopf

Im Advent buk Emmas Mutter diesen bemitleidenswerten Gestalten an gewissen Freitagen nicht nur frische Balchen aus der familieneigenen Zucht, sondern packte zu Weihnachten auch einen Korb voller Geschenke.

Aber das war noch nicht alles. Emma und ihre Freundin Regine verkleideten sich auch als Engel; mit weissem Nachthemd, einem Schleier aus alten Vorhängen und einer Krone auf dem Kopf und – das Schönste überhaupt – den hölzernen Flügeln am Rücken, die jeweils auf dem Estrich des alten Schulhauses lagerten.

Weihnachtslieder gesungen, die ihnen in den Sinn kamen

So herausgeputzt und mit einem Glöggli in der Hand, klingelten die beiden dann beim Bürgerheim. «S Mueti hatte für jeden Mann ein Paar Socken gestrickt und Tabakwaren eingepackt, für die Frauen gab es selbst gebackene Guetzli und Schokolade.»

Zum Schluss sangen Emma und Regine sämtliche Weihnachtslieder, die ihnen in den Sinn kamen. «Freude und Dankbarkeit hätten nicht grösser sein können. Das war für uns beide das Grösste, diesen Menschen diese Freude zu machen.»

Eine Erinnerung, welche die Mädchen von damals auch 70 Jahre später verbindet. Denn damals wie heute sind Emma Battiston und Regine Remund gute Freundinnen. Dem konnten selbst die 30 Jahre, in denen Emma Battiston in Paris lebte, nichts anhaben. «Uns verbindet so viel», sagen die beiden.

Und besonders lebendig sind die Erinnerungen an früher. An Weihnachten im Spittel natürlich. «Oder an die Feierabende an Sommertagen, wenn wir mit einem unserer Boote auf den See hinaus ruderten, eine Vivi Cola nippten und einen Nussgipfel verdrückten, und die aktuellsten Schlager und Heimatlieder sangen, so laut wir nur konnten.» Die beiden lachen schallend. Das müssen schöne Abende gewesen sein.