Vierfachmord Rupperswil
Sie tappen nicht im Dunkeln – es gibt Spuren: «Irgendwo, irgendwann, irgendwer»

Wer bringt den entscheidenden Hinweis? Gestern machten die Ermittler klar: Sie tappen nicht ganz im Dunkeln. Es gibt Spuren – aber die Täter dazu fehlen

Mario Fuchs
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In sieben ausländischen Sprachen Der Fahndungsaufruf der Kantonspolizei mit der Belohnung von 100'000.- Franken.

In sieben ausländischen Sprachen Der Fahndungsaufruf der Kantonspolizei mit der Belohnung von 100'000.- Franken.

Mario Heller

Schon kurz nach 13 Uhr öffnet ein Kantonspolizist in der Zentrale der Mobilen Einsatzpolizei in Schafisheim die Tür zum grossen Rapportsaal – obwohl die Medienkonferenz erst auf 14 Uhr angesetzt ist. Gegen 40 Journalistinnen und Journalisten bauen Stative auf, richten Mikrofone und Frisur, streiten sich um die beste Kameraposition.

Die ganze Schweiz will wissen, was am 21. Dezember 2015 an der Lenzhardstrasse 53 in Rupperswil passierte, nur 1 Kilometer von hier entfernt.

Polizeisprecher Bernhard Graser gibt freundlich Anweisungen, der Haustechniker macht ein Erinnerungsfoto. Drei Minuten vor 14 Uhr geht die Tür vorne im Saal auf. Das Trio, auf das alle warten, tritt ein, nimmt Platz. Schweigend, ernster Blick: Philipp Umbricht, leitender Oberstaatsanwalt des Kantons Aargau. Barbara Loppacher, fallführende Staatsanwältin der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau. Markus Gisin, Chef Kriminalpolizei Aargau.

Graser sagt «Grüezi mitenand», stellt alle vor, informiert, man werde die Konferenz auf Hochdeutsch halten, gibt das Wort weiter.

Medienkonferenz Rupperswil
18 Bilder
Philipp Umbricht: "Ich kann Ihnen versichern, dass wir allen Hinweisen nachgehen, um dieses Kapitalverbrechen aufklären zu können."
Der Chef der Kantonspolizei Markus Gisin und die leitende Staatsanwältin Barbara Loppacher.
Der Chef der Kriminalpolizei Markus Gisin.
Einzelinterviews mit der leitenden Staatsanwältin Barbara Loppacher finden statt.
Der Fahndungsaufruf der Kantonspolizei Aargau
In sieben ausländischen Sprachen Der Fahndungsaufruf der Kantonspolizei mit der Belohnung von 100'000 Franken.
Die Karte zum Tathergang.
5 Terrabyte Datenmaterial werden von Überwachungskamers und anderen Kameras von Tankstellen oder Dashcamsuntersucht. Diese Arbeit ist noch nicht abgeschlossen.
Die leitende Staatsanwältin Barbara Loppacher.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht.
Die Namensschilder stehen bereit, ebenso die Mikrofone zahlreicher Fernseh- und Radiostationen.

Medienkonferenz Rupperswil

Mario Heller

Kein klares Motiv erkennbar

Umbricht sagt: «Unsere Gedanken sind während der Arbeit weiterhin bei den Angehörigen der Opfer und den Bewohnern von Rupperswil.» Und dann: Man wolle heute einen Überblick geben über das, was man in den vergangenen zwei Monaten erreicht habe. Aber: «Wir sagen heute nicht alles, was wir wissen. Aus rechtlichen und ermittlungstaktischen Gründen.»

Ziel sei, so viel zu sagen, dass aus der Bevölkerung noch einmal neue Hinweise kommen. Umbricht bedankt sich bei der Öffentlichkeit für jene Hinweise, die bereits eingegangen sind: «rund 250». Unter anderen: 5 Terabyte Videodateien (entspricht einer Million heruntergeladener Songs).

Aufzeichnungen von sechs Autofahrern, die am Tag der Tat in der Gegend unterwegs waren, dazu Bilder von Tankstellenshops, Überwachungskameras, Verkehrskameras.

Barbara Loppacher erklärt, man habe sich bislang in der Kommunikation von Details «bewusst stark zurückgehalten», um allen Hinweisen in Ruhe nachgehen und sie ordnen zu können. Nur: «Nichts davon hat die Ermittlungen bis heute entscheidend weitergebracht. Ein klares Motiv ist nicht erkennbar. Wir konnten noch niemanden verhaften.»

Deshalb gebe man heute neue Einzelheiten bekannt. «Wir erhoffen uns damit neue Hinweise aus dem Umfeld der Täterschaft.»

Erstmals nennt Loppacher die Geldbeträge, die Opfer Carla Schauer kurz vor der Tat abgehoben hat: 9850 Franken am Bankschalter in Wildegg, 1000 Euro am Bancomaten in Rupperswil.

Man erhoffe sich damit Hinweise aus dem Umfeld der Täterschaft. «Hat jemand unerwartet ein teures Weihnachtsgeschenk erhalten? Fiel jemand beim Bezahlen mit einer Tausendernote auf? Tätigte jemand plötzlich eine teure Anschaffung?», fragt Loppacher.

Die Kunden, die gleichzeitig mit Carla Schauer in der Bank in Wildegg waren, konnte die Polizei ermitteln – derzeit gehe man davon aus, dass niemand von ihnen mit dem Delikt etwas zu tun habe.

Entscheidendes Puzzleteil gesucht

Zwar nicht der entscheidende, aber immerhin ein Durchbruch ist den Spezialisten der Spurensicherung gelungen. Kripo-Chef Markus Gisin sagt: «Das Innere des Hauses wurde zwar stark von Rauch und Russ in Mitleidenschaft gezogen, das sorgte für zahlreiche Probleme. Wir konnten dennoch DNA-Spuren und Fingerabdrücke sichern.»

Die DNA stamme «höchstwahrscheinlich von der Täterschaft», noch fehle dazu aber ein Gesicht, ein Name. Abfragen in nationalen und internationalen Datenbanken laufen zwar noch, endeten bis jetzt ohne Treffer. Auch Abgleichungen mit überprüften Personen blieben erfolglos.

Deshalb greift die Staatsanwaltschaft jetzt zu ihrem ultimativen Mittel: eine Belohnung für die Person, die den entscheidenden Hinweis liefert. Und zwar nicht einfach eine Belohnung – sondern die höchste je in der Schweiz ausgesetzte: 100000 Franken.

«Der Betrag entspricht unseres Erachtens der Bedeutung dieses Verbrechens», sagt Oberstaatsanwalt Umbricht. Man habe die Summe mit Departementsvorsteher Urs Hofmann abgesprochen. Jeder Hinweis könne das entscheidende Puzzle-Teil sein

«Wir sind überzeugt, dass irgendwo, irgendwann, irgendjemand die Beobachtung gemacht hat, die uns entscheidend weiterbringen wird.» Und damit diese Person – sofern es sie denn wirklich gibt – auch erfährt, wie sehr sich ihre Information an die Polizei (062 835 81 81 oder info@kapo.ag.ch) lohnen würde, wird die Belohnung auf Flugblättern ausgeschrieben.

Im Aargau, in den Nachbarkantonen, im angrenzenden Deutschland; in allen hier gesprochenen Sprachen.

40 Ermittler bleiben mit dem mysteriösen Fall beschäftigt, darunter auch externe Spezialisten aus dem In- und Ausland. Wie Gisin erklärte, helfen Experten aus Fallanalyse, Kriminaltechnik, Rechtsmedizin, Forensik und Brandermittlung mit. Noch nie seien im Aargau mehr Ermittler für eine Sonderkommission abgestellt worden. Gearbeitet werde nach wie vor «rund um die Uhr».