Die Kinder an der Bergstrasse in Boswil haben sich am Strassenrand aufgestellt, sie lachen und ihre Augen glitzern - sie warten auf die Männer mit den Rollbrettern. «Sie kommen!», ruft eines. Einen Augenblick später sind sie bereits an ihnen vorbei und um die nächste Kurve verschwunden. Die Kinder jubeln.

Die Männer auf den Rollbrettern, das sind Ramon Gehrig aus Muri und Denis Ganath aus Fahrwangen. Und ihre Rollbretter sind so genannte Freebords - tatsächlich nur mit o geschrieben. Dabei handelt es sich um spezielle Bretter, bei denen zwischen den vier äusseren Rollen zwei zentrale Rädchen angebracht sind, was den Sportlern erlaubt, wie auf dem Snowboard die Strasse hinunter zu carven.

Zwei Adrenalinjunkies

Die beiden sind gute Snowboarder und wollen im Sommer nicht darauf verzichten. «Im Internet entdeckten wir vor drei Jahren das Freeborden», erinnert sich Gehrig. Der Drucktechnologe hat sich im Internet ein Brett bestellt, denn «damals gab es die sonst nirgends zu kaufen». Denis Ganath - ein Adrenalinjunkie wie Gehrig - wollte das ebenfalls testen und lieh ein Brett aus. «Das war eines der ersten Modelle überhaupt», weiss er.

Anfangs lief es nicht allzu gut, «es ist halt Übungssache», lachen sie. «Man darf einfach nicht aufgeben und muss Geduld haben, irgendwann klappts.» Seit einem Jahr nutzen sie jedes schöne Wochenende aus, fahren mit dem Auto auf den Lindenberg und brettern auf den Freebords wieder hinunter ins Tal.

Vier Pisten am Lindenberg

Bisher haben die beiden vier Pisten beziehungsweise kleinere Strassen entlang des Lindenbergs für sich entdeckt. «Uns ist wichtig, dass die Strassen möglichst autofrei sind, dass sie eine kontinuierliche Neigung haben, damit wir nicht laufen müssen, und dass keine Löcher im Belag auftreten», beschreibt Ganath.

Freeborder aus Boswil zeigen, was sie können

So boarden die Boswiler durch die Strassen

Der angehende Oberstufenlehrer liebt es, draussen zu sein - ein wichtiger Pluspunkt des Freebordens. «Die Aussicht auf das Freiamt ist super. Und man muss dafür nicht weit fahren.» Ein Nachteil des Lindenbergs sei, dass sie immer mit zwei Autos anreisen müssten. «Wir haben vor, demnächst per Bahn zum Pilatus zu fahren, dort kann man einfach in die Gondel steigen und oben wieder runterfahren», erzählt Gehrig. Bis dahin lassen sie weiterhin ein Auto im Dorf auf dem Parkplatz stehen und fahren mit dem zweiten die Boswiler Bergstrasse hinauf. «Ein Lift wäre schon toll», scherzen sie. Echte Freebord-Strecken gibt es in der Schweiz nicht - «es gibt ja auch nur etwa 50 Freeborder», weiss Gehrig.

Alles muss geschützt sein

Weil sie in einem Mordstempo - sie schaffen bis knapp 50 Kilometer pro Stunde, fahren aber auch gern etwas weniger schnell - den Berg hinunter brettern, ist ihnen Sicherheit sehr wichtig. «Bei uns ist wirklich alles geschützt: Schienbeine, Knie, Steissbein, Rücken, Ellenbogen, Hände und natürlich der Kopf», zählt Gehrig auf. Ganath bestätigt: «Es gibt wohl keine dümmere Idee, als ohne Helm auf ein Freebord zu steigen.»

Trotz der Schützer kommen die beiden immer mal wieder mit Schürfwunden nach Hause. «Vor allem dort, wo der Panzer aufhört, gibts das halt ab und zu», sagt Ganath schulterzuckend. Gehrig schmunzelt: «Schlimme Stürze hatten wir nur am Anfang.» Er hätte sich einmal beinahe den Arm gebrochen, hatte jedoch Glück. Und Ganath erinnert sich: «Als ich noch keinen Rückenprotektor hatte, habe ich mir den Rücken einmal derb zerkratzt.»

Preiswerter Sport

Neben dem Adrenalinkick, der Zeit in der Natur, dem kurzen Anfahrtsweg und dem Snowboarden im Sommer hat Freeborden für Denis Ganath und Ramon Gehrig einen weiteren Vorteil: «Es ist eigentlich ein sehr günstiger Sport», sagen sie. Ganath erklärt: «Man muss sich anfangs zwar die ganze Ausrüstung anschaffen, aber dann bezahlt man nur noch das SBB-Billett oder das Benzin.» Und die Kleider müsse man ab und zu wieder zusammennähen, geben die beiden grinsend zu. Die Ausrüstung ist allerdings nicht ganz billig. «Brett und Protektoren kosten zusammen um die 1000 Franken», rechnet Gehrig vor. Aber das ist ihnen der Sport und ihr Schutz allemal wert.
So perfekt ausgerüstet fahren sie erneut die Bergstrasse hinauf und machen sich für die nächste Abfahrt bereit, während die Kinder schon wieder sehnsüchtig darauf warten, dass die Männer mit den Rollbrettern wieder an ihnen vorbeidonnern.