Beinwil am See
Sie präsidiert die Landfrauen im Aargau

Lotti Baumann aus Beinwil am See ist zur Präsidentin der Aargauischen Landfrauen gewählt worden. Die gelernte Hauspflegerin schafft es, Tradition und Offenheit in Einklang zu bringen.

Ann-Kathrin Amstutz
Merken
Drucken
Teilen
Landfrauenpräsidentin Lotti Baumann mit Aargauer Tracht.

Landfrauenpräsidentin Lotti Baumann mit Aargauer Tracht.

Ann-Kathrin Amstutz

«Die Anfrage hat mich völlig unvorbereitet getroffen», lacht Lotti Baumann. Spätestens seit der Teilnahme in der SRF-Fernsehserie «Landfrauenküche» im Jahr 2010 kennt man ihren Namen. So ist
sie, obwohl erst seit einem Jahr Mitglied im Aargauischen Landfrauenverband (ALFV), an der Delegiertenversammlung zur Präsidentin gewählt worden.

Es sei genau der richtige Zeitpunkt, versichert Lotti Baumann. «Jetzt, wo die Kinder langsam grösser und selbstständiger sind, suche ich eine neue Herausforderung.»

Der ALFV hat sinkende Mitgliederzahlen zu verzeichnen. Es fehlt an Nachwuchs, obwohl die Ausbildungskurse am Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg boomen. Das Problem: Die Mehrheit der Studentinnen möchte die Fertigkeiten der Landfrauen erlernen, nicht aber als Bäuerin arbeiten. «Viele Frauen, die im städtischen Umfeld aufgewachsen sind und aufs Land ziehen, trauen sich eine Mitgliedschaft nicht zu», meint Lotti Baumann. «Sie denken: ‹Ich bin doch keine Landfrau!› Das ist schade, denn jede Frau, die unsere Werte mitträgt, ist eine Landfrau.»

Von den 7880 Mitgliederinnen im ALFV sind nur noch ein Drittel Bäuerinnen, die Mehrheit hat einen anderen beruflichen Hintergrund. «Es ist mir sehr wichtig, dass daraus kein Konflikt entsteht», betont Lotti Baumann. «Ob Bäuerin oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle. Deshalb besinnen wir uns auf unsere gemeinsamen Werte: Solidarität und die Förderung von Selbstversorgung, regionalen Produkten, Kochen und Backen, Haushalten und Gärtnern.»

Auf dem Hof erledigt die Mutter von vier Kindern vor allem den Haushalt, kümmert sich gemeinsam mit Ehemann Martin um den Hofladen und ist im Gemüsegarten aktiv. Jedes zweite Wochenende verbringt sie im Stall, um mit dem Betrieb und den Tieren in Kontakt zu bleiben. Im Hochsommer, wenn die Kirschenernte ansteht, ist sie dort voll engagiert. «Da wird jede Hand gebraucht.»

Für den ALFV ist sie im Haushaltsservice tätig, geht bei vier verschiedenen Familien regelmässig putzen. Nun kommen präsidiale Aufgaben wie das Organisieren und Leiten von Sitzungen oder repräsentative Pflichten hinzu.

Extra für das Foto hat Lotti Baumann die Aargauer Tracht angezogen. Sonst ist diese für besondere Anlässe und Festtage reserviert. «Die Tracht ist ein zweischneidiges Schwert», warnt sie. «Einerseits gibt es ein wunderschönes Gemeinschaftsgefühl, wenn alle sie tragen. Anderseits wird damit ein Bild zementiert, das auch im Fernsehen verbreitet wird: Ohne Tracht keine Landfrau. Das stimmt so nicht.»

Als Präsidentin möchte Lotti Baumann gegen dieses falsche Bild ankämpfen und die Grundwerte der Landfrauen weiter verbreiten.

Auf die Frage, was Tradition für sie bedeutet, antwortet sie: «Einen Anker, an dem man sich immer festhalten kann.» Dennoch müssten Traditionen regelmässig hinterfragt werden, fügt sie an. «Wo sie zum Zwang werden, gilt es, einen Schritt weiterzugehen. Dabei helfen ein positiver Blick auf die Gegenwart und Vertrauen in die Zukunft.»