Lenzburg

«Sie lassen alles schleifen» - Wie Berufsbeistände helfen, wenn Menschen ihren Alltag nicht mehr meistern

Berufsbeiständin Carmen Strassburg betreut zur Zeit 52 Personen. Manche seit elf Jahren.

Carmen Strassburg ist als Berufsbeiständin ständig zwischen den Fronten. Das Abwiegen von Nähe und Distanz ist dabei sehr wichtig.

Gegenüber der Hypothekarbank in Lenzburg hat die 55-jährige Carmen Strassburg ihr Büro. Sie ist seit elf Jahren Berufsbeiständin beim Kindes- und Erwachsenenschutzdienst der Sozialen Dienste Lenzburg. Und sie ist Vorstandsmitglied der Vereinigung Aargauischer Berufsbeiständinnen- und Beistände. Kürzlich fand deren Generalversammlung statt (siehe Box unten). Es wurde klar: Berufsbeistände sollen Menschen unterstützen, die einen sogenannten Schwächezustand erleben.

Heimplatzierungen selten

Carmen Strassburg steht an einem Regal in ihrem gelb gestrichenem Büro und greift nach einem fast zehn Zentimeter dicken Papierstapel. «Zwei Jahre Beistandschaft genau dokumentiert», sagt sie dazu. «Das sind Belege, Rechnungen oder Anweisungen.» Zwei Jahre eines Menschenlebens säuberlich abgelegt. Zwei Jahre einer Person, die einen Schwächezustand hat oder betroffen ist. So drücken es die Berufsbeistände aus.

Schwächezustände sind die Voraussetzung für eine Beistandschaft, beispielsweise psychische Erkrankungen, kognitive Einschränkungen, Sucht, Schicksalsschläge, Erziehungsschwierigkeiten bei rebellischen Jugendlichen, Scheidungen, Alleinerziehende, häuslicher Gewalt, Demenz, Schulden – die Liste ist lang. Irgendwann wird die Belastung für die Betroffenen zu gross. «Sie lassen alles schleifen», sagt Strassburg, «lesen ihre Post nicht mehr, bezahlen ihre Rechnungen nicht oder gehen nicht zum Arzt, obwohl sie müssten.»
Dann kommt die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), im Aargau das Familiengericht, zum Zug. Ein Gremium aus Richtern und Fachrichtern entscheidet, ob eine Massnahme ausgestellt wird. Wenn ja, landet diese bei Carmen Strassburg. Jetzt ist sie die Beiständin der betroffenen Person. Nach Lust und Laune über den Menschen verfügen, kann Strassburg aber nicht. Laut Gesetz gibt es vier verschiedene Arten der Beistandschaft. Die Begleit-, Vertretungs-, Mitwirkungs-, und die umfassende Beistandschaft. Je nach Stufe greift die Aufgabe des Beistands stärker in die Autonomie des Menschen ein. Es kann sein, dass Strassburg Betroffenen nur beratend zur Seite steht, über Ausgaben und Wohnungssuche entscheidet – oder Kinder in Heimen unterbringt. Wie häufig letzteres in den letzten elf Jahren passiert ist, kann sie an zehn Fingern abzählen. «Ausserdem kann ich eine Änderung, die weniger oder stärker in die Autonomie eingreifen soll, nicht selbst entscheiden», sagt Strassburg. Zuerst finden Anhörungen beider Parteien statt, das letzte Wort hat das Familiengericht. «Die Kesb entscheidet und wir führen aus», sagt Strassburg.

Zurück zum zentimeterdicken Papierstapel. Laut Strassburg sind die Fälle der Betroffenen komplexer geworden, der administrative Aufwand gestiegen. Fast die Hälfte ihres 80-Prozent-Pensums geht für Papierarbeit drauf – obwohl sie dabei von Sachbearbeitern unterstützt wird. Den Rest der Zeit investiert Strassburg in den Kontakt mit Menschen. «Der ist immer noch am wichtigsten», sagt sie.

Die Jungen schaffen es

52 Betroffene betreut sie momentan, die meisten davon im Kindsschutz. Strassburg siezt die Personen. «Wir sind keine Eltern und keine Familie», sagt sie. «Professionelles Verhalten und das Abwiegen von Nähe und Distanz ist sehr wichtig.» Dazu gehört auch Respekt vor dem Einblick in fremde Lebensumstände. Strassburg reflektiert, führt Gespräche mit Schulen oder Beratungsstellen. Das Ziel: «Uns überflüssig machen.»

Aus Erfahrung sagt Strassburg, dass es im Laufe ihres Berufslebens rund 20 bis 30 Prozent der Menschen gelang, ihr Leben wieder selbstständig in den Griff zu bekommen. Darunter vor allem Jugendliche. Sucht erschwert das Zurück zur Selbstständigkeit. Für einige Betroffene ist die Berufsbeiständin schon seit elf Jahren zuständig.

Ein Berufsbeistand kann und muss sogar in das Leben eines Menschen eingreifen, in Bereiche wie Gesundheit, Finanzen, Wohnen, Tagesstruktur, Arbeit oder Beschäftigung. Dabei immer die richtige Entscheidung zu treffen, ist eine Herausforderung. Ausserdem kann sich das Leben eines Menschen innerhalb Sekunden ändern: «Ich bin nie fertig, habe nie meine Arbeit erledigt», sagt Strassburg. «Manchmal ist das Erlebte schon belastend.» Sie fährt eine Stunde mit dem Velo zur Arbeit. Das helfe ihr beim Ausgleich. Auch Absprachen im Team seien wichtig für sie. Oder die Erholung zu Hause, mit der Familie.

Carmen Strassburg arbeitete lange als Psychiatrie-Krankenschwester, wünschte sich aber mehr Eigenverantwortung. Das Studium der sozialen Arbeit war ihr zuerst zuwider: «Ich dachte, das sind die mit den gelismeten Socken», sagt sie. Im Alter von 40 Jahren begann sie trotzdem zu studieren. Sie absolvierte Praktika und wurde auf den Beruf der Berufsbeiständin aufmerksam und spezialisierte sich. «Durch meine Vergangenheit als Psychiatrie-Krankenschwester kannte ich mich mit der Arbeit im Zwangskontext aus, hatte bereits Erfahrung.» Falsche Vorstellungen vom Berufsalltag, fehlende Erfahrung, zu grosser Druck – einige Gründe dafür, warum viele den Beruf schnell wieder aufgeben und die Berufsbeistände um qualifizierten Nachwuchs bangen. «Man steht häufig zwischen den Fronten. Um Berufsbeiständin zu sein, muss man wissen, wer man ist und wo man steht – dafür ist mein Beruf sehr spannend.»

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