Abheftbüschel, Crêtenborten, Doppelkeder, Effilé und Noppengimpe: Ganz ehrlich, sagen Ihnen diese Begriffe etwas? Oder die hier: Corell, Embrasse, Perlüberstängel und Marabout. Das sind keine neuen Tierarten und auch keine ansteckenden Krankheiten, sondern kunstvolle Garnerzeugnisse. Im 19. Jahrhundert, als die Industrie hierzulande aufblühte und sich vermögende Familien die Polstergruppen und Samtvorhänge in ihren Villen mit solchen sogenannten Posamenten verschönern liessen, hatte das Posamenterie-Geschäft Hochkonjunktur.

Von diesen Zeiten können Evelyn Gloor und Imma Pichierri nur träumen. Das Geschäft mit den Posamenten ist ein hartes geworden. Die kleine Posamenterie, die die beiden in einem Lenzburger Industriebau auf eigene Faust betreiben, ist die zweitletzte im Land. Neben Privatkunden beliefern die beiden Posamenterinnen auch Museen, Innendekorateure und Kulturlokale wie etwa das Opernhaus Zürich.

«Wir sind ein aussterbendes Völkli und kämpfen, um nicht in Vergessenheit zu geraten», sagt Evelyn Gloor. Die frühere Lehrerin für Textiles Werken und Englisch hat die Posamenterie Herma vor drei Jahren mit ihrer Geschäftspartnerin von Peter Hermann übernommen und von Adliswil nach Lenzburg gezügelt. Ihr Vorgänger hat das Unternehmen vor genau 50 Jahren gegründet. Eine Posamenterlehre gab es schon damals nicht mehr. Peter Hermann besuchte als einziger Mann die Schwesternschule und machte sich danach als Posamenter selbstständig.

50 000 Garnkordeln

Imma Pichierri kam auf einem ganz anderen Weg zur Posamenterie. «Vor 36 Jahren habe ich in meinen Ferien bei einer Posamenterie in Zofingen angeklopft und einfach mal frech gefragt, ob sie nicht einen Job für mich hätten. Am nächsten Tag fing ich an», erzählt Pichierri. Die Firma in Zofingen ist fortgezogen, Imma Pichierri aber ist ihrem Handwerk treu geblieben. «Weben, Seilern, Häkeln, Zwirnen: Die Posamenterie vereint all diese Fertigkeiten. Für mich gibt es nichts Spannenderes.» Hinter ihr an der Wand stapeln sich tausende Garnkordeln, sortiert nach Farbe und Glanzstufe. «Etwa 50 000 sind es», schätzt Imma Pichierri. Vor ihr stehen mechanisch betriebene Webstühle aus den 30er Jahren.

Der Raum mit den farbig schimmernden Garnen und den anmutigen Industriemaschinen ist so etwas wie ein zum Leben erwecktes Handwerksmuseum. Evelyn Gloor spannt ein paar Garnfäden in einen der Webstühle, drückt einen Knopf und lässt den ratternden Apparat seine Arbeit tun. «Die Maschinen und auch einen Teil der Garne haben wir von unserem Vorgänger übernommen. Die wären sonst wohl verschrottet worden», sagt Evelyn Gloor.

Mit Twitter gegen den Untergang

Die frühere Lehrerin, die sich an der Textilfachschule in Zürich zur Textile Business Managerin weiterbilden liess, kennt sich aber nicht nur mit ratternden Apparaten aus, sondern weiss auch, wie man im digitalen Zeitalter für Aufmerksamkeit sorgt. Die Posamenterie Herma ist auf Facebook, hat einen Pinterest-Account und tweetet regelmässig Fotos von filigranen Embrassen und knalligen Borten. «Embrasse – 100% Made in Switzerland #interiordesin #passementerie #handmade #MustHaves #interior #curtain» lautet ein Tweet, den Evelyn Gloor mit zwei Fotos kürzlich ins World Wide Web hinausschickte.

Das alte Handwerk, scheint es, lässt sich von der viel lamentierten Schnell-Schnell-Konsumgesellschaft nicht vorschnell einen Strick drehen, im Gegenteil: Das alte Handwerk ist im digitalen Zeitalter angekommen.