«Achtung», warnt Dania Kaempfer, «richtig lecker ist es nicht.» Auf einem Holztablett balanciert sie zwei Tassen Tee: Einen Himbeerblätter-Tee, welcher die Frau bei der Geburtsvorbereitung unterstützen soll und und einen Fenchel-Schlüsselblumen-Tee – anregend für die Milchbildung und somit ideal für die Tage nach der Geburt.

Kaempfer ist von Beruf Hebamme. Sie arbeitet in einem 80-Prozent-Pensum in der Hirslanden Klinik Aarau und hilft im Kreisssaal, die Babys auf die Welt zu bringen. Nebenbei hat sie sich selbstständig gemacht und betreut Frauen nach der Geburt ihres Kindes.

Ein mutiger Schritt

Der Schritt in die Selbstständigkeit forderte viel Mut – und ist einem Zufall zu verdanken. «Eine Frau wollte unbedingt nach der Geburt zu mir in die Betreuung kommen, entdeckte mich aber nicht auf der Liste der frei arbeitenden Hebammen», sagt Kaempfer. Sie brachte es nicht über das Herz, die junge Mutter im Stich zu lassen und besuchte sie – gratis, denn eine Krankenkassennummer besass sie damals noch nicht.

Als ein paar Jahre später das zweite Kind der Frau zur Welt kam, war Kaempfer bereits selbstständig, hatte eine Nummer und konnte ihre Leistung richtig abrechnen. Jetzt betreut die in Othmarsingen lebende Hebamme zu 20 Prozent Frauen im Wochenbett.

Othmarsingen, das kleine Dorf neben Lenzburg, hat selbst bereits ein Geburtshaus – das «Storchennest». Braucht es da überhaupt noch weitere Hebammen? «Ja», sagt Dania Kaempfer. Da sie selbst keine Geburten zu Hause durchführe, sondern die Frauen vor allem nach der Geburt im Wochenbett betreue, kämen sie sich selten in die Quere und würden sich gar prima ergänzen. «Wenn ich länger weg bin, schicke ich die Frauen oft zur Konkurrenz», sagt sie und lacht.

Ausserdem werden gemäss des Schweizerischen Hebammenverbandes aufgrund der Fallpauschalen-Einführung die meisten Frauen bereits nach dem dritten Tag nach Hause geschickt und sind darum auf spitalexterne Betreuung angewiesen. «Der Bedarf an häuslicher Nachbetreuung durch Hebammen ist dementsprechend gestiegen», sagt Barbara Stocker, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes. Selbstständige Hebammen müssten ständig erreichbar sein, was ein hohes Mass an Flexibilität erfordert. Auch Dania Kaempfer sagt, sie sei 24 Stunden für ihre Kundinnen da.

Telefonbetreuung nachts um 3

«Einmal schellte das Telefon um drei Uhr nachts», erzählt sie, «es war der hilflose Vater, die Mutter war in Tränen aufgelöst, das Baby schrie wie am Spiess.» Über das Telefon konnte Kaempfer die Familie beruhigen und ging am Morgen danach vorbei.

In solchen Fällen sind vor allem ihre psychologischen Fähigkeiten gefragt. «Bei vielen Frauen kommt in den ersten Tagen nach der Geburt der Babyblues», sagt Dania Kaempfer. Oft erlebe sie, wie Frauen bei ihrem Besuch zwei Stunden mit den Tränen kämpfen, sei es wegen einer schlimmen Erfahrung bei der Geburt, dem Schlafverhalten des Kindes oder dem hohen Druck, eine «perfekte» Mutter zu sein. Mit innerer Ruhe und auf «Samtpfoten» versucht Kaempfer, den Ursachen des Babyblues auf die Spur zu kommen und gemeinsam mit der Frau Lösungen zu erarbeiten.

«Das Wochenbett ist ein Ausgleich zu meiner Tätigkeit im Spital», sagt sie. Die Bindung zu spüren, die sich zwischen Eltern und Baby in den ersten Tagen entwickle, sei unglaublich. Und doch: Missen möchte sie ihren Hauptberuf als Geburtshelferin im Kreisssaal nicht. «Das Wunder der Geburt ist nicht zu toppen», sagt die Hebamme. Dieser Moment, wenn die Welt still stehe, könne man nicht mit Worten beschreiben.