Rupperswil
«Sie ist eine herzensgute und liebenswürdige Frau»

Hulda Haller ist die Dorfälteste und wird morgen 100 Jahre alt. Erzählt sie über ihre Berufsjahre, kommt in ihr Wehmut hoch: Als einfaches Mädchen begann sie bei Trüb Aarau, als rechte Hand des Chefs verliess sie den Konzern bei ihrer Pensionierung.

Barbara Vogt
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Hulda Haller zeigt eine alte Fotografie ihrer Eltern. Ihre Gedanken schweifen dabei weit fort, in die Vergangenheit.Emanuel Freudiger

Hulda Haller zeigt eine alte Fotografie ihrer Eltern. Ihre Gedanken schweifen dabei weit fort, in die Vergangenheit.Emanuel Freudiger

Hulda Haller wartet in ihrem Zimmer. Hübsch zurechtgemacht, Lippen leicht geschminkt, eine zierliche Kette um ihren Hals. Morgen Sonntag feiert sie ihren 100. Geburtstag. «Hoffentlich kommt alles gut», sagt sie und lächelt.

Hulda Haller ist die älteste Bewohnerin Rupperswil. Zu ihrem Ehrentag besuchen sie Gemeindeammann und Gemeindeschreiber mit einem Geschenk. Am Blumenstrauss werden Schlaufen mit den Rupperswiler Farben Blau-Weiss hängen. Und der Bezirksamtmann-Stellvertreter erweist ihr ebenfalls die Ehre. Dann geht sie mit ihrer Familie zu Mittag essen.

Ihr Vater war Steuermann

Vorerst bekommt sie Besuch ihres Neffen René Kurz und seiner Frau aus Aarau. Es ist beinahe ein frühlingshafter Nachmittag und man ist geneigt, sich zu fragen, wie das Wetter vor 100 Jahren, kurz vor der Geburt von Hulda Haller, gewesen sein mag. Das Ehepaar Kurz begleitet die 100-Jährige durch ihre letzten Lebensjahre. Erledigt ihre Post, fährt sie zum Frauenarzt, legt – wenn sie sich traurig fühlt – tröstend die Arme um sie. Der Bekannten- und Angehörigenkreis um Hulda Haller hat sich gelichtet in den vielen Jahren.

Sie blickt auf ein bescheidenes Leben. Wie ein ruhiger Fluss glitt sie durch die Jahre, ihr Alltag bot nichts Spektakuläres. «Ist heute Sonntag?» fragt sie unvermittelt, während sie auf ihrem Bett im Alters- und Pflegeheim Länzerthus sitzt und erwartungsvoll in die Runde blickt. Sie sei in Rupperswil aufgewachsen und dort geblieben, erzählt René Kurz, weil es Hulda Haller nicht mehr kann. Nur bruchstückhaft erinnert sie sich an ihre Vergangenheit. «Es war einmal ...» ruft sie dazwischen und ihre Augen, die ihre Klarheit bis heute behalten haben, leuchten. Ihr Vater war Steuermann, und als er starb, kümmert sie sich liebevoll um ihre Mutter.

Wie schade, lebe ihr Vater nicht mehr. Dabei versteckt Hulda Haller. ihr Gesicht hinter ihren runzligen Händen. Auf dem Tisch, neben Blumen und Schokolade, stehen goldene Rahmen, die Bilder ihrer Eltern einfangen: ein gestrenges Paar in schwarzen Kleidern. Er mit Schnauz, sie mit traurigem Blick.

Sie verliebte sich, blieb aber ledig

Hulda Haller blieb ledig, auch wenn sie sich in einen jungen Mann verliebte. Aber dieser war einer anderen versprochen. Die Betagte war eine attraktive Frau. Auf einer alten Fotografie zeigt sie sich mit kurzem Haarschnitt und in einem weissen Kleid. Die Frau ihres Neffen Elisabeth Kurz erinnert sich: «Sie legte Wert auf schöne Kleider.» Gerne reiste sie zu Freunden ins Tessin, einmal gar nach Kalifornien. «Wenn man mit ihr im Auto über einen Pass fuhr, flippte sie aus», erzählt ihr Neffe.

Hulda Haller war erfüllt von ihrer Arbeit. Als einfaches Mädchen begann sie bei Trüb Aarau, als angesehene Dame und rechte Hand des Chefs verliess sie den Konzern bei ihrer Pensionierung. «Das war die schönste Zeit meines Lebens.» Wie ein verborgener Schatz holt sie diese Erinnerung aus ihrem Gedächtnis hervor. Manchmal fällt sie in sich zusammen, während sie die gleichen Sätze wiederholt. Manchmal lacht sie fröhlich. Über Mittag habe sie jeweils in Aarau, im Bahnhofbuffet 1. Klasse, zu Mittag gegessen.

2007 zog Hulda Haller ins Länzerthus Rupperswil. Schwer sei es ihr gefallen, aus ihrer geliebten Wohnung zu ziehen. Doch heute fühle sie sich wohl im Altersheim. «Ich darf nicht klagen.» Die az sei ihre Lieblingslektüre.» Ich muss wissen, was auf dieser Welt läuft. Aber manchmal macht mich die Zeitung hässig, weil sie einen ‹Stuss› zusammenschreibt.»

«Auf Wiedersehen, gueti Gschäft»

Hulda Haller ist eine gläubige Frau. Sie gehört der Neuapostolischen Kirche an. Wenn sie mag, lässt sie sich an Sonntagen per Telefon zur Predigt schalten. «Sie ist eine liebenswürdige, herzensgute Frau», beschreibt Elisabeth Kurz die 100-jährige Dame. «Ein Leben lang schenkte sie Liebe.»

Ihren Besuch lässt sie an diesem Nachmittag ungern ziehen. Ihre Händedruck ist warm, fest und sie lächelt beinahe schelmisch. «Auf Wiedersehen, gueti Gschäft.» Ein Wunsch hat sie für ihr neues Lebensjahr: Gesund zu bleiben.