Schafisheim
Sie ist die Trendsetterin der Region – nun hat sie genug vom Gigantismus der Modebranche

Die anstehende Pensionierung wäre fürErika Johler kein Grund, ihre Mode-Boutique zu schliessen. Doch sie hat genug von der zunehmende Mc-Donaldisierung der Branche.

Ruth Steiner
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Erika Johler schliesst ihr Mode-Geschäft in Schafisheim.

Erika Johler schliesst ihr Mode-Geschäft in Schafisheim.

Chris Iseli

Neben der Anschrift Kleidermode Johler prangt an der Fassade des Gebäudes
an der Seetalstrasse in Schafisheim mit grossen Lettern das Anhängsel «das Geschäft mit Herz».

Für Erika Johler ist das nicht einfach ein Marketing-Gag, sondern Ausdruck ihrer Begeisterung und ihres Engagements für ihr Business. Dabei war es nicht einmal die glitzernde, grossartige Modewelt, welche Johler zur Boutiquenbesitzerin machte, sondern einzig und allein die Freude am Verkauf.

In die Mode-Branche ist die ehemalige Elektrofach- und Kaffeemaschinenverkäuferin eher per Zufall geschlittert. «Ich bin keine Mode-Tussi. Ich habe die Boutique aus reiner Freude am Verkaufen eröffnet», sagt Erika Johler und präzisiert: «Dem Verkauf von Mode für alle Figuren.»

Tatsächlich war Erika Johlers Boutique an der Seetalstrasse lange Jahre ein Geheimtipp für alle, die das besondere Kleidungsstück suchten. Johler war Trendsetterin in der Region, hat Mode-Label angeboten, die man weitherum nirgendwo kaufen konnte. Einzelstücke, weil es ihr ein Anliegen war, dass «nicht jedermann auf Strasse die gleiche Bluse trägt».

Start mit Secondhand für Kinder

Seit 30 Jahren verkauft Erika Johler Kleider. In verschiedenen Lokalen zwar, doch immer in Schafisheim. Dabei hatte sie nie das Verlangen, mit ihrem Geschäft in die grosse Stadt ziehen zu müssen. Ihre Ideen konnte sie auch im kleinen Dorf realisieren. Inspiration hatte sie im Überfluss. Und was immer sie auch anpackte, war sie ihrer Zeit voraus.

Als Erika Johler Mutter von zwei Kindern wurde, eröffnete sie Mitte der 80er-Jahre die erste KinderkleiderBörse in der Region. «Neue Kleider waren teuer und die alten oft noch nicht ausgetragen.» Und weil sie selber Freude an Party- und Scherzartikeln hatte, nahm sie diese ebenfalls in Sortiment auf.

Johler scheute keinen Aufwand, um die Bedürfnisse der Kunden zu erfüllen. «Als alle Ski-Anzügli für Kinder verlangten, habe ich bei einem Grosshändler in Zürich grad die ganze Kollektion gekauft. Weil sie so günstig war.»

Im Nu seien alle Anzüge weggewesen. Natürlich war das auch dem Händler, der immer Kollektions- und Restpostenbekleidung an Lager hatte, nicht entgangen. Und so kam Erika Johler und ihre Kinderkleiderbörse zu einem neuen Standbein. «Für 10 bis 20 Franken war ein Kleidungsstück zu haben.»

Die Leute rannten Johler in der alten Scheune, welche sie zugemietet hatte, buchstäblich die Tür rein. «Der Händler schüttelte den Kopf, ob des Umsatzes, welcher der ‹Scheunen-Laden› machte», erinnert sich Erika Johler und lacht.

Doch die Scheune hatte ein grosses Handicap. Sie konnte im Winter nicht geheizt werden. Johler musste sich nach neuen Geschäftsräumlichkeiten umsehen. 1986 hat sie das heutige Lokal bezogen, dieses vor dreizehn Jahren umgebaut und zu der heutigen Boutique für Damen- und Herrenmode entwickelt. Mit diesem Schritt einher ging die Schliessung der Kinderkleiderbörse.

Radikaler Wandel der Branche

Eine Chancendenkerin sei sie, sagt Erika Johler von sich. Deshalb hat sie den Kopf nicht in den Sand gesteckt, als sich die Veränderungsprozesse in der Modebranche bemerkbar machten.

Die Einkaufsmessen in Deutschland schrumpften zusammen, das Ambiente für modische Inspiration verschwand, sagt Johler. «Gigantismus machte sich breit in der Modebranche.» Johler bedauert diese Mc-Donaldisierung, wie sie es nennt.

«Wir konnten an den Einkaufsmessen nicht mehr Einzelstücke einkaufen, die Händler wollten grössere Mengen absetzen.» Massenproduktion und Billigware überschwemmten den Markt. Günstige Online-Angebote verdrängten den Einkauf im Laden.

Mit der Liberalisierung des Ausverkaufs erhielt der Schnäppchen-Jäger Aufschwung. Schier endlos zählt Erika Johler die Stolpersteine auf, welche der Mode-Branche in den vergangenen Jahren zu schaffen machten. Und welche schlussendlich dazu führten, dass der Frust das Herzblut verdrängte. In Erika Johler reifte der Entschluss, die Tür zum «Geschäft mit Herz» zu schliessen. In ein paar Monaten. Für immer.

Doch kaum hat sie diese Worte ausgesprochen, erwacht die Kämpferin in der leidenschaftlichen Verkäuferin wieder. «Noch ist es nicht so weit. Vorerst haben wir für unsere Kunden eine ganz schöne Herbst-/Winterkollektion zusammengestellt.»