Lenzburg
Sie haben in den Rebbergen eine zweite Heimat gefunden

In den ortsbürgerlichen Reben Lenzburgs dürfen alle mitschaffen. Die «Räblüs» sind gar eine Integrationsplattform für Neuzuzüger aus dem In- und Ausland.

Sibylle Haltiner
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Jitka Vobecka, Jan Vobecky und Kurt Wernli (von links) hätten am Samstag gerne Trauben gelesen. Sibylle Haltiner

Jitka Vobecka, Jan Vobecky und Kurt Wernli (von links) hätten am Samstag gerne Trauben gelesen. Sibylle Haltiner

Trotz des Regens waren sie gekommen. In Gummistiefeln und wasserdichten Jacken wollten über 30 Personen am Samstag die Trauben im Rebberg unterhalb des Schlosses Lenzburg ablesen. Doch Kurt Wernli, verantwortlich für den Arbeitseinsatz, blies die Aktion ab. Es war zu feucht, die Trauben, bereits geschwächt durch Kirschessigfliege und Stiellähme, hätten nicht die gewünschte Qualität aufgewiesen. «Wir treffen uns Morgen Sonntag um die gleiche Zeit wieder», lautete Wernli neue Weisung.

Kein Spitzenwein in diesem Jahr

Dem rund 40 Aren grossen Rebberg der Lenzburger Ortsbürger geht es nicht gut. Die Kirschessigfliege hat viele Trauben ungeniessbar gemacht, durch die Stiellähme ist ein grosser Teil der Beeren verschrumpelt. Diese müssen sorgfältig aussortiert werden. In zwei Vorlesen wurden bereits rund 1700 kg Trauben geerntet. Diese weisen einen Öchslegrad von 81 beziehungsweise 80 auf. Daraus wird Schaumwein, Blanc de Noir und Pinot Noir produziert. Die restlichen Trauben, aus ihnen entsteht nochmals Blanc de Noir, wurden am Sonntag gelesen.

45 Helferinnen und Helfer, unter ihnen auch einige Kinder, packten mit an. Sehr aufwändig gestaltete sich dabei das Entfernen der mit Kirschessigfliegen befallenen Beeren. Es wurden 1505 kg Trauben mit 85 Grad Öchsle geerntet. Heuer betrug der Ertrag aus dem Rebberg total 3207 kg mit 80 bis 85 Öchsle. Aufgrund der vielen Niederschläge in den letzten Wochen trugen die grossen Beeren dazu bei, dass trotz Säubern der Trappen die Ertragsmenge der Vorjahre erreicht wurde. Kurt Wernli rechnet mit einem durchschnittlichen Jahrgang. «Die Spitzenwerte der besonders guten letzten Jahre erreichen wir heuer nicht.» (Sih)

Der Weinberg am Südhang des Schlossberges wird von der Ortsbürger-Rebbauern-Vereinigung betrieben und von deren Untergruppe «Räblüs» betreut. Die Zugehörigkeit war früher Lenzburger Ortsbürgern vorbehalten, inzwischen dürfen alle mitmachen. So trafen sich nach der abgebrochenen Leset nicht nur Ur-Lenzburger zum Kaffee im Vereinslokal «Räbhüsli», sondern auch einige Personen mit ausländischem Akzent. «Die Stadt fördert die Ansiedlung von Unternehmen», erklärte Kurt Wernli. «Mit ihnen kommen Menschen, für die auch Freizeitangebote geschaffen werden sollen. Wir sind ein kleines Stück in diesem Kulturmosaik.»

Anschluss finden

Besonders ausländische Mitarbeitende der ABB, sogenannte Expats, nutzen das Angebot der «Räblüs», um sich in der Stadt zu integrieren und Kontakte zu knüpfen. So auch Marta Cammarata. Die gebürtige Italienerin ist seit mehreren Jahren dabei, nicht nur an der Leset, sondern auch bei den übrigen Arbeiten im Rebberg. «Trauben und Wein gehören zur italienischen Kultur», sagte Cammarata. Die Mitgliedschaft bei den «Räblüs» sei eine sehr gute Integrationsmöglichkeit. «Ich habe schon viele Leute kennengelernt.»

Die Kroatin Ljiljana Knezevik kam aus Bosnien in die Schweiz und wohnt jetzt in Birr. Als Naturmensch interessiert sie sich für den Rebbau und beteiligte sich an der Zählung der Kirschessigfliegen. «Es herrscht immer eine warme Atmosphäre hier und ich konnte viele Bekanntschaften knüpfen», schwärmte sie.

Offensichtlich eignet sich die Arbeit im Weinberg gar für gleichzeitigen Sprachkurs. Das gilt für Jitka Vobecka. Die Tschechin lebt mit ihrem Mann Jan Vobecky in der Stadt. Während er bei ABB arbeitet, findet die Radiologin wegen ihrer fehlenden Deutschkenntnisse keine Anstellung. Üben kann sie bei den «Räblüsen». «Wir führen schöne Gespräche und die Lenzburger erzählen über die Geschichte der Stadt. Das ist wichtig für unser Leben hier.»

Auch Pierre Crettenand-Fischer stand am Samstag zur Leset bereit. Obwohl seine Frau aus einer Lenzburger Ortsbürgerfamilie stammt, war ihm die Mitgliedschaft in der Rebbau-Vereinigung lange Zeit verwehrt. Doch nach deren Öffnung hat auch der Walliser in Lenzburg seine zweite Weinheimat gefunden.

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