Mehr als fünfzig Jahre fotografisches Schaffen lagen hinter Frank Studer, als er sich zum ersten Mal fragte: «Was ist eigentlich mein Stil?» Als er 2014 als Präsident der Lenzburger Kulturkommission zurücktrat, stellte er im Müllerhaus aus. Beim Sortieren und Digitalisieren seiner Bilder und Negative stellte er fest: «Mein zentrales Interesse in der Fotografie ist der Mensch.»

Hundertfach hat Studer Menschen festgehalten. In Schwarz-Weiss und in Farbe, sitzend, stehend, gehend. Am Warten, Arbeiten, Musizieren. Und was ist mit den Bildern, auf denen keine Menschenseele zu sehen ist? Ein Birkenwald, eine Häuserschlucht oder eine einsame Telefonzelle vor einem schottischen Feld? «Wenn kein Mensch auf dem Bild ist, sind die Spuren zu sehen, die er hinterlassen hat», sagt Frank Studer (76).

Frank Studer beobachtet seine Mitmenschen genau. Und drückt ab. Studer

Frank Studer beobachtet seine Mitmenschen genau. Und drückt ab. Studer

Als Beruf zu unsicher

Frank Studer half schon als kleiner Junge seinem Vater in der Dunkelkammer. «Ich durfte unter der Anleitung meines Vaters Filme wässern, als ich noch kaum über den Labortisch sehen konnte», sagt er. Der Vater war Mode- und Architekturfotograf. Die Faszination für das Fotografieren entstand früh. Doch zum Beruf machen wollte er sie nicht. Zu unsicher für den Lebensunterhalt und der Vater habe ihm davon abgeraten. So wurde aus Frank Studer, aufgewachsen in Zürich, mit verschiedenen Weiterbildungen ein Maschineningenieur HTL.

Fotograf und ehemaliger Kulturkommission-Präsident Frank Studer in seiner Stube in Lenzburg.

  

Doch das Fotografieren liess ihn nie los. Als er 1962 zum Sprachaufenthalt nach England aufbrach, gab ihm der Vater eine Leica mit. «Ich begann, Randgruppen zu fotografieren, erste eigenständige Sujets zu suchen und mich fotografisch damit auseinanderzusetzen.» Die Herausforderungen der analogen Fotografie entsprachen ihm.

«Analoges Fotografieren bedeutet bewussteres Umgehen mit der Anzahl von Belichtungen.» Digital sei man viel eher bereit, den Auslöser zu drücken. Die grosse Arbeit folgt dann beim Auswählen der Aufnahmen. Analog dagegen müsse beim Abdrücken alles stimmen. «Ich weiss beim Auslösen, dass es ein gutes Bild ist», sagt Studer. So wie in den sechziger Jahren, als er in einer Teestube in England einen jungen Mann fotografierte: Dieser sitzt verkehrt herum auf seinem Stuhl; Teetasse in der Hand und den Blick zum Fenster gerichtet, dessen Licht sein Gesicht erhellt.

Es sind diese alltäglichen Szenen, in denen Frank Studer sein Können offenbart. Er hat ein Auge für Schnappschüsse; die sich dann zeigen, wenn man den Blick vom vermeintlichen Hauptmotiv abwendet. So heisst auch seine neuste Ausstellung in Rupperswil «Seitenblicke». «Ich habe einen Seitenblick für das Merkwürdige», sagt er.

Seit den 60er-Jahren fotografiert Frank Studer, die einzige Unterbrechung war sein mehrjähriges Studium. Heute fotografiere er wieder sehr intensiv, sagt er. Mittlerweile hat er von der analogen zur digitalen Fotografie gewechselt, der Umstieg begann im Jahr 2010. «Die Umstellung bereitete mir Mühe und Ablehnung», sagt er. Er vollzog den Wechsel nur unter einer Bedingung: «Ich wollte meine eigenen Prints herstellen.» Studer investierte in einen professionellen Drucker. Bevor er seine Bilder ausstellt, hängt er sie in seinem Haus auf. Bei der Auswahl lege er auch grossen Wert auf das Urteil seiner Frau.

Der Zufall, der zu schönen Szenen für seine Bilder führt, hat auch dafür gesorgt, dass er in der Zeitung ein Inserat für ein Haus in Lenzburg sah. 1971 zog er mit seiner Familie von Zürich nach Lenzburg – ein Jahr Probezeit gaben sie sich. «Doch wir wurden sehr gut aufgenommen», sagt er. Die Familie habe den Umzug nie bereut.