Lenzburg

Seit 25 Jahren ist er Oberförster: «Der Wald ist meine Handschrift»

Oberförster Frank Hämmerli für einmal allein im Wald. Hündin Shana wartet im Auto.

Oberförster Frank Hämmerli für einmal allein im Wald. Hündin Shana wartet im Auto.

Frank Hämmerli ist seit 25 Jahren Oberförster. Ein Gespräch über Waldkultur, Baumriesen und seinen Schatten.

Frank Hämmerli (61) hat für das Interview seinen Lieblingsort im Wald ausgewählt: die Blockhütte im Lütis- buech. Das Sonnenlicht fliesst golden um die farbigen Blätter, ein einsamer Vogel singt mit rauer Stimme.

Was gefällt Ihnen hier?

Frank Hämmerli: Es ist es ganz still, man hört nur Vögel. Und manchmal einen Reiter oder ein Flugzeug. Ich komme oft hierher. Der Wald hier erinnert mich an einen Märchenwald; mit dem durchscheinenden Licht und den vielen dicken Bäumen.

Der Lenzburger Oberförster Frank Hämmerli feiert 2017 sein 25-Jahr-Jubiläum.

Der Lenzburger Oberförster Frank Hämmerli feiert 2017 sein 25-Jahr-Jubiläum.

Wie viele Bäume stehen im Revier der Forstdienste Lenzia?

Genausogut könnte man fragen, wie viele Sterne es im Universum gibt. Zählt man jeden Keimling im Wald, gibt es Milliarden. Doch wir zählen Bäume ab 16 Zentimeter Stammdurchmesser. Unser Revier erfasst eine Fläche von 1097 Hektaren, das ist etwa so gross wie der Hallwilersee. Nach dem Inventar in Niederlenz im Jahr 2014 bin ich für das gesamte Revier auf einen Richtwert von 250 000 Bäumen gekommen. Diese Bäume sind unsere Mitarbeiter; sie leisten im Stillen Holzzuwachs, in der Regel ohne grosse Ansprüche. Sie wissen selbstständig, was ihnen guttut.

Die perfekten Mitarbeiter also?

Nein, sie sind zu schweigsam. Bei meinem Stammpersonal von acht Mitarbeitern und drei Lehrlingen sind Lob und Hinweis auf Potenzial nach oben auf beiden Seiten wichtig.

Wie viel Zeit verbringen Sie im Wald, wie viel im Büro? Was ist Ihnen lieber?

Ich würde sagen, 60 Prozent sind Bürotätigkeiten und 40 Prozent bin ich im Wald mit Aufgaben beschäftigt. Holz anzeichnen ist der wichtigste Teil. Die Aufgabe ist entscheidend, um zu sagen, was mir lieber ist. Im Februar bei minus zehn Grad und Schnee oder im Sommer bei einem Gewitter bin ich schon lieber im Büro. Ich habe eine grosse Abwechslung zwischen Büro und Natur. Das gefällt mir.

Wie hat sich der Wald in den letzten 25 Jahren verändert?

Die Waldkultur – der Begriff Waldbau stört mich heute – hat sich weiterentwickelt. Unser Wald ist lichtreicher geworden. Laubholz- und artenreicher. Im Gegensatz zu früher ist er weniger auf einen Wirtschaftswald ausgerichtet. Unser Ziel ist, nur ergänzend zu pflanzen, wo es nötig ist und sonst die Natur wirken zu lassen. Die Holzanzeichnung ist für mich die zentrale Aufgabe: Der Wald ist meine Handschrift. Früher hat man viele Fichten gepflanzt. Durch die Klimaerwärmung und den Borkenkäfer hat die Fichte wenig Chancen im Mittelland. Wir setzen auf die Douglasie. Wir pflanzen nur wenige, pflegen diese aber schön heraus.

Gibt es mit weniger gesetzten Bäumen auch weniger Holz?

Nein. Da die einzelnen Bäume mehr Platz haben, wachsen sie schneller. Aber wir setzten auf Qualität, nicht auf Masse. Der Wald ist heute in einem erfreulichen Zustand.

Das war nicht immer so. Wie haben Sie das Waldsterben in den 80er-Jahren erlebt?

Ich habe damals an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf gearbeitet und Waldinventuren gemacht. Es war eine schwierige Zeit für Politik, Forstpraxis und die Wissenschaft, aber auch für die Verwaltung. Grundsätzlich hat man einfach viel zu wenig gewusst. Was ist normal und natürlich und was vom Menschen erzeugt?

Hatten Sie Angst, dass es mit dem Wald vorbei sein könnte?

Nein. Wir hatten Respekt vor der weiteren Entwicklung. Mit der Zeit lösten wissenschaftliche Fakten persönliche Meinungen ab, schliesslich kam es zu einem fruchtbaren Konsens, denn seitdem haben wir eine griffige Umweltschutzgesetzgebung. Katalysatoren stammen aus dieser Zeit. Die Bevölkerung hat ein Bewusstsein für Ozonwerte entwickelt. Das Umwelt-Controlling ist seither gut organisiert.

Was sind heute die grössten Herausforderungen im Wald?

Das Bevölkerungswachstum. Wie gehen wir damit um, wenn plötzlich 1000 neue Lenzburger sich im Lütisbuech und im Berg bewegen? Von den Bikern über Jogger und Hündeler zu brätelnden Familien haben wir viele verschiedene Akteure im Wald. Dann kommen noch die Jagdzeiten dazu. Ich stelle fest, dass heute eine gewisse Anspruchshaltung besteht: Der Wald muss jederzeit da sein fürs persönliche Vergnügen.

Wünschen Sie sich mehr Dankbarkeit von den Waldnutzern?

Das würde ich nicht so sagen. Wir erhalten oft schöne Komplimente. Aber die Bevölkerung ist weiter weg von der Holznutzung als früher. Der Freizeitwald, seine Wege und Rastplätze werden oft als selbstverständlich angeschaut. Früher wurde die Benutzung durch die kostendeckenden Holzerlöse abgegolten, heute ist das nicht mehr so.

Was ist am Forstrevier Lenzia speziell?

Von der Geografie her ist es speziell, weil wir uns in der Aargauer Kantons- und in der Lenzburger Bezirksmitte befinden. Das Gebiet Berg mit dem Esterliturm und seinen vielen schönen Lärchen ist als Übergang zwischen Lenzburg und dem Seetal für Sportler und Ausflügler sehr attraktiv. Einzigartig im Aargau und vielleicht sogar in der ganzen Schweiz ist unser grosser Bestand an Baumriesen. Das sind Bäume ab 90 Zentimeter Stammdurchmesser. Im Wirtschaftswald spricht man vom Zieldurchmesser, eine Buche ist mit 70 bis 74 Zentimetern hiebsreif. Ist der optimale Zeitpunkt überschritten, geht der Gewinn zurück.

Warum verzichten Sie auf den Erlös?

Wir machen mehr Erlöse mit Dienstleistungen – wir heissen ja Forstdienste Lenzia. Die Baumriesen sind Kulturgüter und Naturdenkmäler, sie haben einen hohen ideellen Wert. Der dickste Baum im Lütisbuech ist eine Eiche mit 157 Zentimetern Durchmesser; sie ist zirka 320 Jahre alt.

Sie verbringen viel Zeit in unserem Wald. In den Ferien reisen Sie gern in die Ferne. Spielt der Wald eine Rolle bei der Wahl der Destination?

Orte mit einem schönen Wald reizen mich schon. Aber es muss etwas Spezielles sein. Der temperierte Regenwald in Kanada muss man einmal im Leben gesehen haben. Die Bäume sind bis 800 Jahre alt und 75 Meter hoch. Aber ich bin auch sehr gern im Engadin und freue mich auf die Zeit, wenn ich länger als nur zehn Tage am Stück dort sein kann.

Wer Sie kennt, kennt auch Ihren Hund.

Mir wurde auch schon gesagt, Shana sei mein Schatten. Ich bin täglich mit ihr im Wald unterwegs. Man erlebt die Natur mit einem Hund ganz anders als allein. Ich sehe viel bei diesen Spaziergängen. Zudem tut es mir gut, es ist ein nötiger Ausgleich.

Welches ist Ihr Lieblingsbaum?

(Ohne zu zögern) Die Lärche. Eine wunderschöne, feine Baumart, die Wärme und Licht ausstrahlt. Dieser Baum ist ein Kämpfer, kann sogar auf Kies wachsen. Die Lärche macht einem Kraft, wenn man sie sieht oder berührt. Mimosenhafte, also krankheitsanfällige Bäume, mag ich dagegen nicht so.

Auch Revierleiter Marcel Zurbuchen feiert 2017 sein 25-Jahr-Jubiläum.

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