Rupperswil
Seine Leidenschaft galt den Menschen und der Wissenschaft

Nach 30 Jahren gibt der Hausarzt Peter Wolleb seine Praxis auf. Mit Hans Peter Allerödder hat er bereits einen geeigneten Nachfolger gefunden.

Ruth Steiner
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Peter Wolleb war 30 Jahre lang Hausarzt in Rupperswil.

Peter Wolleb war 30 Jahre lang Hausarzt in Rupperswil.

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Sein erster Patient war ein Teddybär. Als Erstklässler musste Peter Wolleb längere Zeit in einer Kur verbringen. Die Spritzen, die er erhielt, gab er seinem Stofftier weiter. Dieses wollte jedoch nicht gesunden – im Gegenteil. Das Innenleben aus Holzwolle hielt die Wasserinjektionen nicht lange aus und der Teddy verfaulte.

Wollebs Interesse an der Medizin war allerdings geweckt und blieb erhalten. Voller Leidenschaft erzählt er heute von den Möglichkeiten, die sich einem Arzt durch den Fortschritt von Wissen und Technik in den letzten Jahren eröffnet haben, und wie die Patienten von neuen, weniger schmerzhaften und erfolgreicheren Behandlungen profitieren.

Einrichtung auf neuestem Stand

30 Jahre lang betrieb Peter Wolleb an der Dorfstrasse in Rupperswil eine Hausarztpraxis. Sich selbst bezeichnet er als eher konservativ, im medizinischen Bereich hingegen war er progressiv.

Als eine der Ersten in der Region verfügte seine Praxis über eine Internetseite. Er unterhielt ein eigenes PC-vernetztes Labor und erfasste die Krankengeschichten elektronisch. Seit 2010 wird digital geröntgt. «Der technische Fortschritt hat mich immer fasziniert», erklärt der Mediziner, immer habe er viel gelesen. Liebevoll schlägt er dabei einige der Fachbücher auf, die im Sprechzimmer stehen.

Doch auch die menschliche Seite war dem Hausarzt wichtig und er ist überzeugt: «Man muss sich für sein Gegenüber interessieren.» Die Beziehung zwischen Arzt und Patienten habe sich in den letzten Jahren verändert. «Heute ist das Verhältnis partnerschaftlich und auf Augenhöhe, früher befahl der Arzt und der Patient gehorchte.» Auf eine genaue Anamnese, also die Erfassung der Krankheitsgeschichte, und das persönliche Gespräch legte er viel Wert und konnte dadurch, auch dank akribischer Detektivarbeit, oft sogar seltene Krankheiten diagnostizieren.

Bekenntnis zur Vielfalt

Die Neugier trieb den Internisten immer an. Hämatologie, Angiologie und auch Neurologie interessierten ihn. Der Hausarztmedizin gab er den Vorzug, um sich nicht auf ein Gebiet beschränken zu müssen. Mit 50 Jahren bildete sich Wolleb in Psychosomatik weiter. «Dieses Fachgebiet ist für einen Hausarzt sehr wichtig.» Vor 30 Jahren konnten psychosomatische Krankheiten wie beispielsweise Panikattacken noch nicht diagnostiziert werden. «Wenn nichts gefunden wurde, hiess es einfach, der Patient habe nichts», erklärt der Mediziner.

Amtsarzt: Keiner reisst sich um diesen Posten

Eine aussterbende Spezies nennt Peter Wolleb den Amtsarzt, der früher Bezirksarzt hiess. Er selbst versah diesen Posten im Bezirk Lenzburg von 1988 bis 2014. Einen Nachfolger gibt es nicht, auch in Aarau ist die Stelle vakant. Abschreckend mag für viele Ärzte der Pikettdienst sein. Die Aufgaben werden deshalb teilweise vom Institut für Rechtsmedizin übernommen.
Ein Amtsarzt führt unter anderem die sogenannte Legalinspektion bei ausserordentlichen Todesfällen durch. So muss er beispielsweise bei Gewaltverbrechen, Verkehrsunfällen oder Suiziden ausrücken und ist oft als einer der Ersten vor Ort. Die Verletzungen müssen genau dokumentiert werden, «mit Worten fotografieren», nennt Wolleb das Vorgehen. Die weiteren Abklärung und gegebenenfalls eine Obduktion führen anschliessend die Rechtsmediziner durch. Auch bei sogenannt unbeobachteten Todesfällen wird der Amtsarzt aufgeboten. Unangenehm sei es, wenn ein Toter bereits mehrere Tage in der Wohnung gelegen habe, erzählt Peter Wolleb. «Das Auge kann sich an schlimme Anblicke gewöhnen, die Nase aber nicht an den Geruch.»
Auch die Fürsorgerische Unterbringung kann ein Amtsarzt anordnen. In solchen Situationen hat Wolleb oft Unangenehmes erlebt, gelegentlich war gar der Einsatz von mehreren Polizisten nötig. «In psychischen Ausnahmezuständen entwickeln Menschen ungeheure Kräfte.» Ausserdem führt der Amtsarzt die periodischen Kontrolluntersuchungen bei Berufschauffeuren durch. Sowohl die Fürsorgerische Unterbringung wie auch die Kontrolluntersuchungen können teilweise von Hausärzten, welche über die entsprechende Weiterbildung verfügen, vorgenommen werden. Gewählt wird der Amtsarzt vom Regierungsrat. (SIH)

30 Jahre Hausarzttätigkeit hätten ihn gelehrt, dass das Leben eine Tragikomödie sei. «Schwierig war immer das Überbringen von schlechten Nachrichten. Als Arzt muss man aufpassen, dass man nicht zu traurig wird und die Ungerechtigkeiten des Lebens aushält», gibt Wolleb zu bedenken. Zum Glück habe er ein humorvolles Naturell sowie er gutes Umfeld.

Peter Wolleb stellte sein Wissen und seine Zeit auch gerne der Allgemeinheit zur Verfügung. Er war Amts- und Schularzt, ausserdem Mitglied der Schulpflege. In historischer Uniform und Pickelhaube versah er von 1998 bis 2012 den Posten eines Feldarztes, Feldscher genannt, beim Freischarenkorps Lenzburg. Zum Glück waren bei den Manövern höchstens Bagatellverletzungen zu verarzten.

Frau und Team stärkten Rücken

Viel Zeit für seine Frau und die beiden Töchter blieb nicht. «Meine Frau war praktisch alleinerziehend», räumt Wolleb ein. Sie war ihm daneben beruflich eine grosse Hilfe. «Mit ihr und meinen treuen, langjährigen Praxisassistentinnen hatte ich immer ein gutes Team. Das war sehr wichtig.» Nun hat Wolleb das Pensionsalter erreicht und seine medizinische Tätigkeit aufgegeben. Die Praxis Gruppe Schweiz hat seine Nachfolge geregelt. Nach Ostern übernimmt Hans Peter Allerödder, ein Internist aus Deutschland. «Er ist gut ausgebildet und macht einen seriösen und sympathischen Eindruck», findet Peter Wolleb.

Für das Foto schlüpft der Arzt nochmals in den Kittel, füllt die Taschen mit Goniometer, Kugelschreiber und Stethoskop. Ab sofort hat er nun mehr Zeit für seine anderen Interessen: Kultur, Kunst, Reisen oder Velofahren. Ausserdem will er seine Frau beim Hüten der vier Enkeltöchter unterstützen.

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