Lenzburg
Seine Bilder zeigen die blühende Industriebrache Wisa Gloria

Der Fotojournalist Hans Weber hat das geschäftige Werken und freizeitliche Treiben auf dem Wisa Gloria-Gelände dokumentiert – und stellt die Fotos ab Samstag in der Müllerhaus-Galerie aus.

Markus Christen
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Während eines halben Jahres hat Fotojournalist Hans Weber auf dem Wisa-Gloria-Areal über 1000 Fotos geschossen.

Während eines halben Jahres hat Fotojournalist Hans Weber auf dem Wisa-Gloria-Areal über 1000 Fotos geschossen.

Markus Christen

Noch ist es ruhig auf dem Wisa Gloria-Gelände an diesem ersten Morgen der Woche. Der türkische Inhaber des Star-Imbiss hat sein Lokal noch nicht geöffnet. Im Hintergrund brummt ein Lastwagenmotor und kündigt eine Lieferung an. Eine der vielen Türen auf dem weiten Fabrikareal öffnet sich. Stimmen sind zu vernehmen, distanziert und unverständlich.

Dieses langsame Erwachen eines ehemaligen Industriestandorts, dessen Name weitherum zu einem Synonym für hochwertiges Kinderspielzeug geworden ist, lässt einen Unterschied deutlich werden. «Das hier könnte eine Industriebrache sein, wie sie in der Schweiz dutzendfach existiert», sagt Hans Weber. «Doch das ist es eben nicht. Das Gelände hier wird auch seit der Einstellung der Spielzeugproduktion sehr vielfältig genutzt.»

Während rund sechs Monaten hat der freie Fotojournalist, der vor drei Jahren bereits die leerstehenden Fabrikhallen der Hero kurz vor deren Abriss noch dokumentierte und die Entstehung des neuen Wohnquartiers «Im Lenz» fotografisch begleitet, das Wisa Gloria-Areal wiederholt besucht. Er nahm Einblick in die Künstlerateliers, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Er lauschte der Musik von lokalen Bands in den Proberäumen, setzte sich in die Bars und Beizen, klopfte an die Bürotüren, war Gast in der Moschee und vor allem unterhielt er sich mit den Menschen, welche die ehemaligen Fabrikräume und –hallen heute beleben, nutzen und gestalten.

Bestandesaufnahme im Wandel

Seine Begegnungen und Entdeckungen in diesem kulturell äusserst diversifizierten, künstlerischen, produktiven und eng verwobenen Mikrokosmos der Schaffenslust hat Hans Weber fotografisch festgehalten. «Ich wollte möglichst alles zeigen und dokumentieren. Das ist natürlich nie vollständig möglich, aber ich denke, das meiste ist da.»

Die Idee zum Fotoprojekt entstand im vergangenen Jahr. Der Stadtrat und die Eigentümer der Gebäude unterstützten das Vorhaben. «Diese vielfältige Nutzung ehemaliger Fabrikgebäude wird unter Umständen nicht von Dauer sein. Mein Ziel war es deshalb, ein Zeitdokument und eine ganzheitliche Bestandsaufnahme eines Geländes, das sich im Wandel befindet, zu erstellen», erklärt Hans Weber. Dafür machte er sich verschiedene Gedanken zu seiner Vorgehensweise. «Ich stand vor der Entscheidung, ob ich mit Porträts die Menschen in den Mittelpunkt rücken oder vor allem die Nutzung der Räume illustrieren soll. Entscheidend war für mich, die Lebhaftigkeit des Areals zu zeigen. Nicht ästhetische sondern dokumentarische Kriterien waren letztlich ausschlaggebend.»

Ausstellung für die Bevölkerung

Eine Auswahl der Fotografien, die in den sechs Monaten entstanden sind, werden ab dem kommenden Samstag in einer Ausstellung in der Müllerhaus-Galerie präsentiert werden. «Es ist eine Ausstellung für die Bevölkerung», sagt Hans Weber. «Die Fotografien halten industriegeschichtliche und kulturgeschichtliche Momente Lenzburgs und der Schweiz fest.»

Hans Weber hat für den Kanton zahlreiche grosse Fotoprojekte realisiert und neben Bildbänden über den Aargau auch Fotobücher über europäische, afrikanische und asiatische Länder publiziert.

Im Zuge seiner Arbeit auf dem Wisa Gloria-Gelände bleibt ihm vor allem eine Erinnerung präsent. «Ich wurde von den Menschen, die auf dem Wisa Gloria-Areal arbeiten und sich betätigen, fast ausnahmslos mit offenen Armen empfangen.» Diese Herzlichkeit hat den Fotojournalisten, der in manchen Situationen und vor allem bei Fragen des Persönlichkeitsschutzes viel Fingerspitzengefühl beweisen musste, beeindruckt. «Man war äusserst hilfsbereit und hat mich in meiner Arbeit unterstützt.» Auch aus diesem Grund mag Weber nicht von einzelnen, besonders wertvollen Fotografien sprechen. «Die Grosszügigkeit und die Toleranz im Zusammenleben sind das Wertvolle. Ich habe hier eine Aufbruchsstimmung und grosse Kreativität gespürt und mich immer sehr wohl gefühlt.» Aus diesem Grund sind für ihn alle Aufnahmen gleichermassen kostbar.

Fotoausstellung «Wisa Gloria – Ein lebendiger Mikrokosmos» von Hans Weber ist vom 9. bis 25. Mai in der Müllerhaus-Galerie. Vernissage mit Einführung durch Hans Ulrich Glarner, ehemaliger Aargauer Kulturchef, findet statt am 9. Mai um 16 Uhr.