Seetal
Der weisse Fleck zum weissen Tuch ist verschwunden

Dass sich Boniswil vor 300 Jahren zum Seetaler Pionierzentrum der Baumwolltuchfabrikation gemausert hatte, war in Vergessenheit geraten. Mit ihrer neuesten Jahresschrift holt die Historische Vereinigung Seetal und Umgebung mehr ans Licht, als sie selbst erwartet hat.

Katja Schlegel
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Alte Druckstöcke und Werkzeug, Teile der Ausstellung zur «Spurensuche zu den Anfängen der Baumwolltuchfabrikation im Berner Aargau».

Alte Druckstöcke und Werkzeug, Teile der Ausstellung zur «Spurensuche zu den Anfängen der Baumwolltuchfabrikation im Berner Aargau».

Colin Frei

Der weisse Fleck, er ist verschwunden. Der weisse Fleck zum weissen Boniswiler Baumwolltuch und dem ganzen angehängten Industriezweig. Denn anders als für Menziken und Reinach, wo die Spinnerei und Weberei vor rund 300 Jahren zeitgleich ihren Anfang nahm, war vom einst wichtigsten Boniswiler Erwerbszweig kaum etwas bekannt.

Doch das hat sich nun geändert. Daniel Humbel, Präsident der Historischen Vereinigung Seetal und Umgebung, hat die Geschichte für die eben erschienene 94. Jahresschrift «Heimatkunde aus dem Seetal» gründlich aufgearbeitet – angestossen durch die Recherchen für die Wanderausstellung «Spurensuche zu den Anfängen der Baumwolltuch-Fabrikation im Berner Aargau», die Ende 2019 als Täler-übergreifendes Projekt im Rahmen des kantonalen Themenjahres #Zeitsprungindustrie gemeinsam mit dem Verein Hansjakob-Suter-Sammlung, den Museen Burghalde (Lenzburg) und Schneggli (Reinach), dem Webereimuseum Ruedertal in Schmiedrued und Museum Aargau mit dem Schloss Hallwyl lanciert wurde.

«Eine kleine Sensation»

Doch Humbel hat weitergesucht, hat sich durch das Archivmaterial – weit umfangreicher, als gedacht – gelesen, hat sortiert, ausgebeinelt. So ist es ihm gelungen, die Geschichte über einen Zeitraum von über 400 Jahren zu rekonstruieren und den Geschäftsumfang und die Beziehungen von vier ehemaligen Boniswiler Unternehmen aufzuzeigen. «Eine kleine Sensation», wie er sagt.

Daniel Humbel, Präsident der Historischen Vereinigung Seetal.

Daniel Humbel, Präsident der Historischen Vereinigung Seetal.


Colin Frei

Die Geschichte beginnt mit einer Gerichtsverhandlung auf der Trostburg 1599, zeigt auf, wie 1719 der Erlass der Manufaktur-Ordnung durch die Berner Herren die Dorfbevölkerung vor der Verarmung rettete, wie der dem Reichtum zu verdankende Bauboom das Dorf veränderte und wie schliesslich fehlende Wasserkraft um 1850 dazu führte, dass die Tuchindustrie verschwand.

72 der insgesamt 129 Seiten der Jahresschrift hat Humbel mit seinem Wissen gefüllt. «Ein Kraftakt», wie er sagt. Weil aber Versammlungen und Exkursionen coronabedingt ausfielen, habe man den lokalhistorisch Interessierten mit der Jahresschrift mehr bieten wollen.

Mehr zur römischen Villa in Seengen

Nebst der Boniswiler Baumwolltuchindustrie berichtet die Jahresschrift unter anderem vom spätmittelalterlichen Lastkahn von Schloss Hallwyl, dessen Alter nach einer dendrochronologischen Untersuchung nach oben korrigiert werden konnte, von den Ausgrabungen der römischen Villa in Seengen im Sommer 2020 oder dem ereignisreichen Leben von Joseph von Glutz-Ruchti, dem Mann der letzten Bewohnerin von Heidegg, dem Schloss über dem Baldeggersee.

Kantonsarchäologische Ausgrabung in Seengen im Sommer 2020.

Kantonsarchäologische Ausgrabung in Seengen im Sommer 2020.

Fabio Baranzini

Kaum ist die aktuelle Schrift gedruckt, denkt die Vereinigung bereits wieder an die nächste Schrift. Es soll eine ganz besondere geben. Denn 2022 feiert die Vereinigung ihr 100-jähriges Bestehen. Gegründet worden war sie vom späteren Kantonsarchäologen Reinhold Bosch, der damals in den Zwanzigerjahren die ersten grossen Funde aus Pfahlbauer- und Römerzeit ausgrub. Man dürfte sich auf spannende Geschichten freuen, sagt Humbel. «Die Vereinschronik in unserem Archiv ist sehr umfangreich und nahezu vollständig.»

Hinweis

Die Jahresschrift 2021 kann für 25 Franken auf www.hvseetal.ch bestellt werden.