Er wirkt jugendlich frisch und vital - trotz seiner 66 Jahre. Ein freundliches Gesicht mit wachen Augen, die einem im Gespräch interessiert anblicken. Max-Albrecht Fischer verkörpert das Ideal des vertrauenswürdigen Hausarztes, dem man am liebsten auch die eigenen Wehwehchen anvertrauen würde.

Doch das ist nicht mehr möglich. Den Hausarzt Max-Albrecht Fischer gibt es in Seengen ab dem 1. Februar nicht mehr. Nach 33 Jahren übergibt er seinen Anteil an der Praxis Brestenberg seinem Sohn Roland und dessen Frau Jessica.

Hausarzt Max-Albrecht Fischer mit seiner Frau und fast Regierungsrätin Doris Fischer-Taeschler.

  

Die klassische Arztmontur, einen weissen Kittel, hat Max-Albrecht Fischer schon lange nicht mehr getragen. Ebenso wenig kann er «dem 68er-Mief etwas abgewinnen, der in ungewaschenen Pullovern vor die Patienten tritt». – «Einige meiner Kollegen werden sich über diese Bemerkung nicht freuen.» – Eine weisse Hose hingegen darf es schon sein, dazu ein dunkelblaues sportlich-elegantes Hemd.

Auf der linken Brustseite ist das Logo Praxis Brestenberg aufgedruckt, rechts Dr. M.A. Fischer. Die persönliche Uniform tragen alle hier in der Praxis. «Das Tenü», sagt Fischer, «ist ein sichtbares Zeichen der Zusammengehörigkeit (‹heute sagt man Corporate Identity›) und gibt unter den Mitarbeitenden ein Wir-Gefühl.» In der Praxis Brestenberg in Seengen arbeiten vier Ärzte, sieben Medizinische Praxisassistentinnen und ein bis zwei Lernende.

Erste Arztpraxis als AG

Die Praxis für die medizinische Grundversorgung hat Fischer vor zehn Jahren in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. «Wir waren die ersten im Kanton Aargau», sagt er. Seither ist er Teilhaber und deren Geschäftsführer. Fischers Familie hat sich schon lange der Gesundheit und Medizin verschrieben.

1844 gründete Ur-Urgrossvater Adolf Erismann beim Schloss Brestenberg eine Wasserheilanstalt, die schon bald Gäste aus ganz Europa anzog. Später ging die Praxis in fremde Hände über, 1941 wurde sie wieder von der Familie übernommen. Max-Albrechts Vater Peter und seine Mutter Mathilde kauften die Liegenschaft und führten gemeinsam eine Hausarztpraxis.

1985 stieg Max-Albrecht in die Familienpraxis ein und führte sie vorerst als Einmannbetrieb. Seit Beginn der 1990er-Jahre hat er die Praxis für Grundversorgung stetig ausgebaut und wurde dabei bis vor zehn Jahren von seiner Frau Doris unterstützt. Sie war fürs Administrative zuständig.

Doris Fischer-Taeschler (FDP) verfolgte daneben ihre eigene Karriere, die sie vor neun Jahren beinahe in den Aargauer Regierungsrat gebracht hätte. Auch Max-Albrecht Fischer ist über die Praxisarbeit hinaus tätig gewesen. Acht Jahre als Vizepräsident des Kantonsspitals Aarau und sechs Jahre als Präsident des Dachverbands der Ärztenetze Medswiss.net.

Den Innovationsgeist, den Fischer in die Entwicklung seiner Praxis legte, hätte durchaus auch seine berufliche Laufbahn bestimmen können. In der Schule gehörte nebst Geschichte und Latein Betriebswirtschaft zu seinen Lieblingsfächern. Die Fremdsprachen haben ein mögliches Ökonomiestudium verhindert, sagt er und schmunzelt. Dass er Hausarzt geworden ist, hat Fischer nie bereut. Mit einem Grossteil seiner Patienten sei er heute per Du, viele Familien schon Generationen in seiner Praxis. «Wir haben eine treue Klientele, die Interesse hat an einer vernünftigen Medizin», sagt er.

Vier Mal plötzlicher Kindstod

«Vernünftige Medizin» ist das Stichwort – und schon wird der Hausarzt Max-Albrecht Fischer zum Gesundheitspolitiker. Mit markigen Worten spricht er von einer Zweiklassenmedizin. Sie ist ihm ein Dorn im Auge. «Privatversicherte müssen heute viel mehr unnötige Operationen über sich ergehen lassen als Grundversicherte», sagt er und unterstreicht die Äusserung gleich mit einem Beispiel. Kürzlich passiert.

Ein Augenarzt habe bei einem älteren Patienten eine Staroperation empfohlen, ansonsten er dem Strassenverkehrsamt melden müsse, dass die Sehfähigkeit beim Autofahren nicht mehr gegeben sei. Der Patient war verunsichert, suchte den Hausarzt auf. Dieser ordnete eine Zweituntersuchung durch eine Augenklinik an, welche eine Operation als nicht sinnvoll erachtete und auch eine noch lange genügende Sehkraft für das Führen eines Motorfahrzeugs feststellte.

Max-Albrecht Fischer findet, «über das Hausarzt-Modell oder bestimmte HMO-Praxen versicherte Patienten sind besser geschützt, weil der Hausarzt bei den Behandlungsmethoden mitredet».

Haben im wohlhabenden Seengen viele Menschen eine private Krankenversicherung? Fischer lacht. «Nicht alle Seenger kommen zu mir. Aber es gibt viele, die nur mit einem Pfnüsel kommen.» Dann gibt es beim Hausarzt also doch auch unnütze Behandlungen? Fischer wehrt rigoros ab. Es gebe keine überflüssigen Konsultationen. «Die Angst vor einer Krankheit ist auch ein Grund, zum Hausarzt zu gehen. Sonst landet der Patient am nächsten Tag beim Spezialisten.» Und das koste um ein Vielfaches mehr.

Hinzu komme heute halt auch die «Angst» der Ärzte vor einem Rechtsstreit. «Man müsste eher bei den Anwälten den Numerus clausus einsetzen, als bei den Ärzten», sagt er pointiert. Absurd findet Hausarzt Fischer die vielen Arztzeugnisse, die er vor allem während der Grippezeit im Winter ausstellen muss. Manche Patienten kämen schon am ersten Krankheitstag, und nur, weil der Arbeitgeber es verlange. «Deshalb sollte dieser auch die Kosten dafür tragen müssen», findet Fischer.

War er in den vielen Jahren seiner Tätigkeit mit Situationen konfrontiert, die ihn persönlich belastet haben? Der Hausarzt überlegt einen Moment. «Viermal habe ich den plötzlichen Kindstod miterlebt», sagt er schliesslich, zieht das Taschentuch aus dem Hosensack und schnäuzt sich die Nase.

Winzer und Segler

In seiner Freizeit wird Max-Albrecht Fischer zum Hobby-Winzer. Er bewirtschaftet seinen eigenen Rebberg hinter dem Haus. Sieben Aren. Praktisch vis-à-vis des ehemaligen Hotels Brestenberg. «Brestenberger» heisst auch der Wein, der daraus gekeltert wird. Fischer schmunzelt und meint: «Bei diesem Hobby bleibt wenigstens unter dem Strich noch etwas übrig. Im Gegensatz zu den andern.»

Zu den «andern» gehört Segeln auf dem Hallwilersee. Zur Abwechslung darf es auch mal ein Hochseetörn sein. Gemeinsam mit der Familie, Fischers sind alle begeisterte Segler. Seine Frau Doris und die vier Kinder. Drei davon haben sich beruflich ebenfalls dem medizinischen Bereich verschrieben. Nur der Älteste ist «abtrünnig» geworden, hat dem Fischerschen Ökonomie-Gen nachgegeben. Er arbeitet heute für eine europäische Bank in China.

Am nächsten Mittwoch wird der 66-jährige Max-Albrecht Fischer sein Tenü offiziell zum letzten Mal tragen. Anschliessend machen Patiententermine auf der Agenda Hobbys und Familie Platz – und Fischer plant, in der Praxis das Archiv auszumisten.