Längst hätten Sie zu Hause sein sollen, doch am frühen Abend des 28. Januar 1963 haben Daniel Huber und Edi Fischer Flausen im Kopf. Auf dem Rückweg vom zugefrorenen Hallwilersee machen sich die Buben unweit des Meisterschwander Seezopfs einen Spass daraus, mit ihren Schlittschuhen die Lampe einer Laterne zu treffen. Kurz nach 18.30 Uhr aber zucken sie zusammen und verstecken sich mit dem Gefühl eines ertappten Bengels vor den Scheinwerfern eines Lastwagens, der beim Restaurant Delphin aufgetaucht ist und weiter zum See hinunterfährt. Das Fahrzeug verschwindet schliesslich hinter den Büschen des Seeufers - und aus ebensolchen lugen die Buben hervor; erleichtert, mit ihren Flausen ungeschoren davonzukommen.

Die folgenden Stunden werden Daniel Huber und Edi Fischer zeitlebens nicht vergessen. Weil vom Lastwagen länger nichts zu hören ist und auch die Rücklichter verschwunden sind, macht sich in den Bäuchen der Buben ein mulmiges Gefühl breit. «Die Ruhe war unheimlich», erinnert sich Edi Fischer heute. Die Aargauer Zeitung traf den 62-jährigen Meisterschwander gestern am Meisterschwander Zopf - an jener Stelle, wo vor 50 Jahren zwei Villmerger Familienväter mit ihrem Lastwagen, einem 9,1 Tonnen schweren Henschel, durch das Eis brachen, im See versanken und ertranken.

Neben Edi Fischer steht Daniel Huber, heute ebenfalls 62 Jahre alt, und blickt auf den See. «Als wir vor 50 Jahren nachschauten, ob mit dem Lastwagen etwas nicht in Ordnung ist, waren wir als Erste an der Unfallstelle», erinnert sich Daniel Huber. Zwar hätten frische Reifenspuren aufs Eis geführt, von einem Loch aber war nichts zu sehen. «Wir haben gespürt, dass etwas nicht stimmt, konnten aber im Dunkeln wenig erkennen.» Edi Fischer ergänzt: «Ich glaube auch, dass wir nicht wahrhaben wollten, dass gerade jemand ums Leben gekommen ist.» Selber aufs Eis, um nachzuschauen, wagen sich die Buben nicht - obwohl sich Stunden zuvor das halbe Seetal darauf getummelt hatte und mehrere Autos über das Eis fuhren.

Im Restaurant hielt man es zuerst für einen Scherz. Wirt Gotthold Fischer greift schliesslich zur Taschenlampe, packt die Leiter auf seinen Deuxchevaux und fährt zum Seeufer. Dort erfasst der Strahl der Taschenlampe das fünf Meter breite Loch. Gotthold Fischer alarmiert die Polizei und setzt einen Grosseinsatz von Rettungskräften in Bewegung, der tags darauf in der Bergung des Lastwagens und der zwei Toten enden wird.

Den 12-jährigen Edi plagt am Abend des Unfalls auch das schlechte Gewissen. Längst hätte er zu Hause sein sollen. Tatsächlich macht sich die Mutter Sorgen, denn das Gerücht eines Unfalls am See verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Edi geht deshalb nach Hause, sein Freund Daniel bleibt zurück - und bekommt im «Delphin» zur Beruhigung ein Kafi Schnaps angeboten. «Heute würde man eher ein Care-Team schicken», sagt Daniel Huber heute, und muss etwas schmunzeln. Das Kafi Schnaps hatte er damals abgelehnt, rief aber die «Blick»-Redaktion an. «Es gab 100 Franken für Tipps, und als Zwölfjähriger war ich etwas gierig darauf.» Tatsächlich lässt der Anruf Daniels Sparschwein fast platzen: Von den «Blick»-Reportern gibts 100 Franken auf die Hand - und weitere 100 Franken, damit der 12-Jährige mit keinen anderen Reportern spricht.

Dass Daniel Huber darauf mit Foto auf der «Blick»-Titelseite erscheint, hat Edi Fischer damals etwas gewurmt - er, der nach dem Unfall brav nach Hause gegangen war. «Inzwischen kann ich aber gut damit leben», sagt Edi Fischer amüsiert - und hält gleichzeitig fest: «Der Unfall war als Kind zwar aufregend, in Tat und Wahrheit aber eine grosse Tragödie für die Familien der beiden Ertrunkenen.» Eine Tragödie, die Edi Fischer und Daniel Huber als Buben erst später richtig fassen konnten.