Schafisheim
Secondhand-Trainingsgeräte für den Schweizer Meister: Auch der Sensei kauft bei Ebay ein

Karateka Ilija Letic hat seine eigene Schule gegründet. Im Industriegebiet von Schafisheim unterrichtet er seit wenigen Monaten Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Isabelle Schwab
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Karate Schafisheim
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Man soll beim Karate lernen, sich zu verteidigen
Ein Guter Karatelehrer, sagt Ilija Letic, sollte viel Geduld haben, sich aber auch nicht auf der Nase herumtanzen lassen
Der Raum am Dammweg in Schafisheim wird erst seit wenigen Monaten als Karateschule genutzt
Ilija Letic hat seine Schüler immer im Blick
Auch Kinder lernen bei Ilija Letic, sich zu verteidigen
«Chudan» ist der Angriff auf die Körpermitte
Die richtige Ausführung einer Bewegung, aber auch Schnelligkeit und Präzision sind wichtig

Karate Schafisheim

Nordwestschweiz

Schweizer Meister Ilija Letic war immer ein Musterschüler – mindestens was Karate angeht. Jetzt baut er Schritt für Schritt eine eigene Karateschule auf. Noch muss er sich beim Einkauf für Secondhand-Trainingsgeräte entscheiden. Doch Letic ist sich gewohnt, für seine Träume zu kämpfen.

Ilija Letic trainiert das traditionelle Shotokan-Karate seit er sechs Jahre alt ist. Ilija Letic ist mit 26 Jahren bereits vierfacher Schweizer Meister. Ilija Letic ist so sehr Karateka, dass er sich auch seinen Hochzeitstanz, einen englischen Walzer, mithilfe von Karatetechniken gemerkt hat. Und: Ilija Letic hatte einen harten Weg, bis dorthin, wo er jetzt ist. «Nicht umsonst lernt ein Schüler nicht einfach Karate, sondern beschreitet den Karate-Do, den Weg des Karates», erklärt er.

Zuerst auf die Nase bekommen

Zwölf Jahre lang hat Letic das traditionelle Karate trainiert, ohne je an einem Wettkampf teilzunehmen. Fast hätte er den Sport aufgegeben. Doch dann wechselte er vor acht Jahren zu Toni Romano in die Shotokan-Karateschule Luzern. Und steigt mit 18 Jahren in Wettkämpfe ein, an welchen ihm seine Konkurrenten jahrelange Wettkampferfahrung voraushaben; ab 8 kann man an Wettkämpfen teilnehmen.

«Er hat damals ganz schön auf die Nase bekommen», erzählt Trainer Toni Romano und lacht. «Seine Kämpfe waren eher von kurzer Natur. Doch das war wichtig, um Erfahrungen zu sammeln.» Dass sein Schüler einmal Schweizer Meister werden wird, habe er damals nicht gedacht. «Ich wusste, er hat Talent, aber ich wusste nicht, ob er hart genug ist», sagt Romano.

Zunächst trainierten Romano und Letic zweimal, dann drei-, vier-, fünfmal die Woche. Später jeden Tag mehrmals. 2013 dann Letics Spitzenjahr: Er trainiert neben seinem Elektrotechnikstudium dreimal täglich und wird zum ersten Mal Schweizer Kumite-Elite-Meister. «Wenn ich etwas will», sagt Ilija Letic und klopft mit einem Fuss auf den Boden, «dann kämpfe ich dafür.» Wissbegierig und sozialkompetent beschreibt sein Trainer den 26-Jährigen weiter. «Ilija ist ein angenehmer Schüler.» Nun ist der Schüler zum Lehrer (Sensei) geworden. Im Industriegebiet von Schafisheim unterrichtet er seit wenigen Monaten Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Vorbild für die Jungen

«Ilija, gibt es eigentlich im Karate auch Weltmeisterschaften?», fragt ihn ein etwa zehnjähriges Mädchen mit braunen Haaren nach dem Unterricht. Letic bestätigt. «Und warst du dabei?» Wieder nickt er. 2013 erkämpfte er den dritten Platz an der Shotokan-Karate-WM, 2014 dann den vierten Platz an der Shotokan-EM. Mit grossen Augen blickt das Mädchen zu ihm auf.

«Ich hatte immer das Gefühl, meine Trainer hassen mich», erinnert sich Letic an seine ersten Lehrjahre, «wiederhol das nochmals, mach das besser. Sie haben mich immer unter Druck gesetzt.» Im Nachhinein wisse er, dass ihn seine Lehrer fördern wollten. Er selbst möchte mit seinen Schülern etwas anders umgehen. «Ich möchte nicht, dass sie das Gefühl haben, dass ich sie quälen will, sondern, dass es zu ihrem Besten ist», sagt er.

Eine Karateschule zu gründen, sei immer sein Traum gewesen. «Aber eigentlich wollte ich das erst in vier, fünf Jahren anpacken.» Dann als er von Seon wegging, kamen einige Karateschüler auf ihn zu. «Sie sagten, wenn ich nichts mache, hören sie mit Karate auf», sagt Letic. «Also habe ich etwas gemacht.» Er grinst.

Trainingssaal wurde zu klein

So trainiert er seit über 10 Jahren Karateschüler. Zunächst noch als Assistenztrainer in Seon, dann selbstständig in einem Sitzungssaal in Lenzburg. Doch der wurde schnell zu klein. Seit März trainiert der junge Sensei seine Schüler nun in einem grösseren Raum. «Ich wage damit viel», sagt Letic, «denn aktuell habe ich noch nicht genug Schüler, um den Raum kostendeckend zu nutzen.»

Natürlich hätte er neue Schüler abweisen können, «doch dann wäre nie etwas Grösseres aus meiner Schule geworden», sagt Letic. Also ging er das Risiko ein. Die Matten sind von seinem Trainer geliehen, die Fitnessgeräte hat er im Internet zusammengesucht. Später könnte man hier auch zwei Trainingsräume einrichten, erklärt er und schätzt, dass er bis zu 200 Leute in der Woche trainieren könnte.

Genannt hat Letic die 2013 gegründete Karateschule «Shinsei Kan», das Haus der neuen Generation. «Wir sind ja auch die neue Generation», sagt Letic, «die meisten Karatelehrer sind in die Jahre gekommen», er grinst. Ehrgeizig und etwas frech, wie er es auch von seinen Schülern erwartet. Und wie im Karate möchte er weiter in Bewegung bleiben. «Wenn du stehen bleibst, ist es vorbei», sagt er vieldeutig und übt sich dabei vielleicht schon in der Rolle des alt ehrwürdigen Karatemeisters.