«Hau ab, du Sauhund!» Mit donnernder Stimme und der Faust auf dem Tisch jagt Albert seinen Sohn Hans-Jörg vom Bauernhof im Luzerner Mittelland – und damit zum Teufel. Der 18-jährige Kantischüler hatte seinen Mut zusammen genommen und beim Mittagessen die Bombe platzen lassen: «Vater, ich bin schwul.»

Damit setzte Hans-Jörg dem jahrelangen Versteckspiel ein Ende. Die Probleme wurden damit aber nicht weniger. Ausgestossen von der Familie musste er sich ein neues Leben aufbauen.

Hans-Jörg reist nach Nizza, lernt dort Sven kennen und lieben, und verliert ihn dann im Kampf gegen AIDS – die «Schwulenseuche», wie man in den 1980-Jahren sagte.

Hans-Jörg schlägt sich darauf durch ein Leben voller Gefühle, Liebhaber und Sex – «ein ganz normales Schwulenleben halt», fasst Raymund Fuchs zusammen. Der 54-jährige Meisterschwander hat die erfundene Lebensgeschichte Hans-Jörgs im Buch «Grachtenfahrt» niedergeschrieben.

Familie reagierte kühl

Raymund Fuchs weiss, wovon er schreibt: Auch er liebt Männer. Dass er «anders» ist, hatte er mit sechs Jahren realisiert und als Teenager erste sexuelle Erfahrungen mit Männern gesammelt. Als Schwuler outete er sich erst mit 32 Jahren.

«Ich fühlte mich schon immer zu Männern hingezogen, wollte das aber nicht wahrhaben.» Nach der Trennung von seiner Freundin war für ihn dann sonnenklar: «Es ist schön, mit einer Frau zu schlafen, aber kein Vergleich zur Leidenschaft für einen Mann.»

Raymund Fuchs’ Coming-out war weniger schmerzvoll als erwartet. «Meine Kollegen haben das gut aufgenommen und auch Fragen gestellt.»

Kühler reagierte seine Familie, die nach dem Tod der Eltern aus sieben Geschwistern besteht. Diesen schrieb er einen Brief. Zurück kam nur eine Antwort – mit der Bitte, das «nicht an die grosse Glocke» zu hängen.

Hinter einer Maske

Das öffentliche Bekenntnis des Seetalers zur Homosexualität ist damit kein Vergleich zu jenem von Hans-Jörg aus dem Roman «Grachtenfahrt», dessen Geschichte weitgehend erfunden ist, sich aber gut so abspielen könnte.

Wie Hans-Jörg hatte jedoch auch Raymund Fuchs vor seinem Coming-out gelitten. Jahrelang versteckte er sich hinter einer Maske.

«Das war sehr anstrengend. Ich litt jahrelang an Energielosigkeit.» Die Erleichterung nach dem Bekenntnis zu seiner Neigung sei deshalb gross gewesen. «Ich fühlte mich endlich frei.»

«Knallharte Jungs, schneller Sex»

Heute, mehr als 20 Jahre nach dem Coming-out, sprüht Raymond Fuchs vor Energie. «Grachtenfahrt» schrieb er im Alleingang. Das Buch soll einerseits Schwule ansprechen, für die es laut Fuchs zu wenig Literatur über Homosexualität gibt; andererseits aber auch Heterosexuelle das Thema näher bringen: «Ich möchte diesen unser Leben zeigen.»

Das tut der 54-jährige Meisterschwander überraschend direkt: Schwule Männer beschreibt Raymund Fuchs im Buch als romantisch und zärtlich, aber auch als knallharte Jungs, die schnellen Sex suchen, mehrere Partner haben und von «Schwänzen» und «Ficken» reden.

Stellt er damit Schwule nicht in eine Schmuddelecke? «Nein, ich glaube mein Roman zeigt reales schwules Leben.» Anstössig sei das nicht. «Die Gesellschaft soll uns Schwule so akzeptieren, wie wir wirklich sind, ungeschminkt und ehrlich.»

Deshalb macht der Seetaler auch kein Geheimnis aus seiner Neigung. In Meisterschwanden, wo er seit 20 Jahren wohnt und bei der Schifffahrtsgesellschaft arbeitet, weiss man Bescheid.

Negative Reaktionen habe er nie bekommen. «Ich denke, dass es für Schwule einfacher ist, auf dem Land zu leben. Hier spielt die soziale Kontrolle mehr als in der Stadt, wo man schnell angefeindet wird.»