Rupperswil/Zedtwitz
Schweizer Amtsschimmel liess sie verzweifeln – also wanderten sie aus

Weil sie ihren Traum eines Pferdekompetenzzentrums in der Schweiz nicht verwirklichen konnten, wanderten Jeannie und Patrik Gerber mit ihren Buben Colin und Lukas, mit Sack und Pack und sieben Pferden aus. Mit Sack und Pack und sieben Pferden

Katja Schlegel
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Reiterhof Jeannie und Patrik Gerber
13 Bilder
Der Schweizer Amtsschimmel liess die Pferdenarren Jeannie und Patrik Gerber verzweifeln – also wanderten sie aus.
In Bayern können die Gerbers ihren Traum vom grossen Pferdekompetenzzentrum leben.
Sohn Lukas mit einem der beiden Fohlen.
Der Tag des Baubeginns.
Ein Bild aus dem Seminaralltag.
Patrik Gerber arbeitet mit Pferd und Rindern.
Das neue Daheim der Familie Gerber.
Die Pferde kommen in Deutschland an.
Elf Pferde und drei Ponys stehen heute auf der Weide.
Nachwuchs im Stall.
In der Schweiz hatte das Projekt keine Chance, in Bayern ist es kein Problem.
Patrik Gerber mit einem der Fohlen.

Reiterhof Jeannie und Patrik Gerber

zvg

Das Wetter war so garstig, dass sich die Einheimischen dafür entschuldigten. Eine Mischung aus Schnee und Regen, aus Matsch und Eis, aber die Familie Gerber verliebte sich trotzdem. Für sie gab es in diesem Moment nichts Schöneres auf der Welt als diesen Hof mitten im Grünen. Und was einem bei furchtbarstem Wetter gefällt, kann bei Sonnenschein nur das Paradies sein, dachten die Gerbers sich.

Das war im Dezember 2014. Sieben Monate später wanderten sie aus, Jeannie (37) und Patrik Gerber (40) mit ihren Buben Colin und Lukas (5 und 8), mit Sack und Pack und sieben Pferden. Liessen ihr Reihenhaus in Rupperswil hinter sich und bauten sechseinhalb Autostunden nördlich, im obersten Zipfel Bayerns, eine Ausbildungsanlage mit Reithalle.

Mitten in der Pampa, neben einer kleinen Stadt, wie die Deutschen sagten und sich wunderten, was die Schweizer hier verloren hatten: zweieinhalb Kilometer von der Stadtgrenze von Hof entfernt, 46 000 Einwohner. Nach einem Jahr Bauzeit eröffneten die Gerbers hier 2016 ihre Ranch. Und erreichten damit das, was in der Schweiz unmöglich war.
Die Krux mit den Zonen

Vier Jahre lang hatten die beiden Pferdetrainer und Ausbildner Jeannie und Patrik Gerber nach einer Immobilie gesucht, um ihren Traum eines Pferdekompetenzzentrums zu verwirklichen. Doch ausgerechnet der Amtsschimmel machte den beiden Pferdeverrückten einen Strich durch die Rechnung: «Mit unserem Projekt hätten wir in zwei Bereichen gearbeitet, die beide eine eigene Zonenzugehörigkeit haben, die sich nicht verbinden liessen», sagt Jeannie Gerber. Einerseits als gewerblicher Dienstleister, anderseits als landwirtschaftliche Pferdezucht.

«Entweder scheiterten wir daran, dass wir in der Gewerbe-, Wohn- oder Industriezone mit den Pferden arbeiten wollten, oder daran, dass wir in der Landwirtschaftszone Tiere unterbringen lassen wollten, die einen gewerblichen Zweck erfüllten.» Alles Diskutieren nützte nichts, keine Behörde konnte sich zu einer Ausnahmeregelung durchringen. «Nach vier Jahren mussten wir uns entscheiden: Aufgeben und die Pferde verkaufen, oder auswandern», sagt Jeannie Gerber. Ein Entscheid, der für die beiden Pferdenarren gar keiner war.

Die Wahl fiel rasch auf Deutschland, alles andere war den Gerbers zu unsicher. «Und wir dachten, dass uns die Deutschen so ähnlich sind, dass die Veränderung nicht allzu gross sein wird», sagt Jeannie Gerber und lacht schallend. «In Tat und Wahrheit hatten wir keinen Plan von den Deutschen.» Bei den Oberfranken und ihrem Dialekt fange es schon beim Verstehen an, weiter gehe es beim Essen, der Familienplanung, den Lebensverhältnissen.

«Frage ich nach Poulet-Curry-Salat oder Brot als Beilage, schauen sie mich mit grossen Augen an», erklärt Jeannie Gerber. Hier gebe es Bratwurst und Rouladen mit Klössen, alles schön deftig und herzhaft. Für Kinder müsse man nicht auf einen beruflich optimalen Zeitpunkt warten, denn dank der Elternzeitregelung und dem garantierten Krippenplatz sehe man der Familiengründung sehr entspannt entgegen.

«Ausserdem kann sich hier kaum jemand leisten, dass ein Elternteil für die Betreuung der Kinder daheim bleibt. Das ist finanziell schlichtweg nicht möglich.» Zwar sei die Gegend nicht ärmlich. «Aber wenn hier jemand sagt, er könne sich die 50 Euro für dies oder das nicht leisten, dann kokettiert er nicht, dann ist das so.»

Was Jeannie und Patrik Gerber an ihren neuen Nachbarn, den Oberfranken, am meisten schätzen: Gelassenheit. «Der Schweizer ist oft so furchtbar kleinkariert und missgünstig. Hier schert sich keiner darum, was sein Nachbar tut.» Das geschehe nicht aus Desinteresse, sondern weil man den andern leben lasse. «Auch wir dürfen hier leben, wie wir uns das vorgestellt haben. Hier dürfen wir ausprobieren, ob unser Traum aufgeht.»

Anpassen, sonst scheiterts

Ihr Traum besteht heute aus eigenen elf Pferden, drei Ponys und acht Hereford-Rindern, dazu kommen verschiedene Ausbildungspferde. Während Patrik sich auf Western-Reiten und den Rindersport spezialisiert hat, hat Jeannie die «PonyAkademie» für Kinder aufgezogen und lehrt Pferdebesitzern, ihre Tiere zu lesen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Das Geschäft läuft so gut, dass die Gerbers bereits jetzt sagen, sie hätten es geschafft. «Wir sind angekommen, wir könnten glücklicher nicht sein. Es ist das Paradies hier», sagt Jeannie Gerber und stockt.

Manchmal habe sie schon Mühe, die Schweizerdeutschen Worte zu finden, sagt sie entschuldigend. «So ist das halt. Wer auswandert, muss sich anpassen, sich einfügen. Ohne geht es nicht. Nur so findet man Freunde und nur so wird die Fremde zum Daheim.»

Praktikum

Die Familie Gerber sucht einen Praktikanten oder eine Praktikantin für die Dauer von drei bis sechs Monaten.

Weitere Infos gibt es auf www.jpg-quarterhorses.com/praktikum.html