Ammerswil
Schwangere verliert Kind bei Unfall und muss vor Gericht

Da eine Autofahrerin zu weit in der Mitte fuhr, kam es zum Crash. Weil das für die Frau schlimme Folgen hatte, liess das Gericht Milde walten.

Janine Gloor
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Der Unfall ereignete sich an einem düsteren und nebligen Nachmittag. (Symbolbild)

Der Unfall ereignete sich an einem düsteren und nebligen Nachmittag. (Symbolbild)

Keystone

Die Strasse zwischen Lenzburg und Ammerswil ist eng und kurvenreich. «Es hat viel Wild. Und wilde Autofahrer», sagt ein Mann aus Egliswil, der vor dem Bezirksgericht Lenzburg als Zeuge vorgeladen war. Im Dezember 2016 war der Mann an einem düsteren Montagnachmittag mit seiner Frau von Lenzburg Richtung Ammerswil unterwegs, als ihm nach der Christbaumkultur ein weisser Wagen auf der Gegenspur auffiel. «Ich sah sofort, dass dieses Auto viel zu weit in der Mitte fährt», sagt er. Der Mann steuerte seinen Wagen so weit wie möglich an den rechten Strassenrand – «alles geschah innert drei bis vier Sekunden» – und konnte einen Crash trotzdem nicht verhindern.

Im anderen Auto fuhr Carina (Name geändert), auf der Rückbank im Kindersitz ihr damals einjähriger Sohn. Carinas Auto hatte sich um 180 Grad gedreht, bevor es zum Stillstand kam. Auf der Strasse lagen Trümmer, Passanten hielten an. «Als sie mit ihrem Büebli auf dem Arm zu uns kam, war ich einfach froh, dass niemand schwer verletzt war», sagt der Mann.

Strafbefehl angefochten

Carinas Fahrstil hatte zivil- und strafrechtliche Folgen. Mit dem Mann aus Egliswil kam es zur aussergerichtlichen Einigung, den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft focht sie vor Gericht an. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in der Mitte gefahren bin», sagt die zierliche Mittdreissigerin. Manchmal zittert ihre Stimme so stark, dass sie über das Tastaturklappern der Gerichtsschreiberin fast nicht zu hören ist. Gerichtspräsidentin Danae Sonderegger geht die Einvernahmeprotokolle des Unfalls durch. Gleich nach der Kollision habe Carina angegeben, wegen eines Niesanfalls abgelenkt gewesen zu sein.

Auch die Frau des entgegenkommenden Fahrers gab zu Protokoll, dass Carina nach dem Unfall ihren Mann angerufen habe und von einem Niesanfall erzählt habe. «Stimmt das?», fragt Sonderegger nach. Da zittert Carinas Stimme wieder. Sie könne sich nicht an Details erinnern. «Ich habe damals ein Kind verloren.» Zum Zeitpunkt des Unfalls befand sich nicht nur Carinas kleiner Sohn im Auto. Die Frau war in der siebten Woche schwanger.

Am Morgen vor dem Unfall konnte sie bei einer Kontrolle noch den Herzschlägen ihres ungeborenen Kindes lauschen. Bei einer Nachkontrolle wenige Tages später waren diese verstummt. Ob der Tod des Embryos eine direkte Folge des Unfalls war, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. «Mir ist es danach sehr schlecht gegangen.» An diesem Punkt setzt Carinas Anwalt seine Verteidigung an: «Es ist unangemessen, sie noch zusätzlich zu bestrafen», sagt er. Sie habe aufgrund der Fehlgeburt genug seelisches Leid erlitten.

Die Gerichtspräsidentin folgt der Argumentation des Anwalts. Das Verfahren in Bezug auf fahrlässige Körperverletzung wird eingestellt. Sie spricht Carina der einfachen Verletzung der Verkehrsregeln schuldig, weil sie nicht genügend weit rechts gefahren ist. Und sie muss die Verfahrenskosten von knapp 5000 Franken sowie die Standgebühren der beschlagnahmten Autos übernehmen.

«Ich habe gar nicht alles verstanden», sagt Carina zu ihrem Mann, als sie das Gerichtsgebäude verlassen. Aber sie wirkt erleichtert. Und zieht den Reissverschluss ihrer Jacke über ihren Schwangerschaftsbauch.