Lenzburg

Schultheater spielt Shakespeare mit jugendlichem Groove

Die Hochzeitsnacht: für einmal klassisch romantisch.Christoph Voellmy

Die Hochzeitsnacht: für einmal klassisch romantisch.Christoph Voellmy

Die Oberstufe Möriken-Wildegg inszeniert «Romeo und Julia» neu. Sässe Shakespeare persönlich im Publikum, er würde sich hinterher tätowieren lassen.

Vor diesem Dilemma stehen Oberstufenlehrer immer wieder: Wie begeistert man Jugendliche im Twitter-Zeitalter für die Klassiker der Weltliteratur? Anders als andere Lehrpersonen sind Markus Furrer und Markus Gysin dieser Frage nicht ausgewichen. Gemeinsam unterrichten sie das Freifach Theater an der Oberstufenschule Hellmatt in Möriken-Wildegg. Diese Woche führen sie im alten Munitionsdepot in Lenzburg auf, was sie ein Jahr lang mit 20 Jugendlichen im Freifach Theater geprobt haben: «Romeo und Julia, frei nach William Shakespeare».

Die moderne Adaptation ist ihnen offensichtlich gelungen. «Hier geht’s halt um Liebe, natürlich interessiert uns das», sagt etwa die 14-jährige Kimia Lashani, die im Stück zur «Familie» von Romeo gehört.

Bezler gegen Sek-Realer

Das Drama ist bekannt. Zwei Familien sind verfeindet, dem Liebespaar bleibt nur der Freitod. Das tönt in der Originalübersetzung so: «Zwei Häuser, beide gleich an Würde, brechen im schönen Verona aus altem Groll in neuem Streit aus.» In der Adaptation hört sich das so an: «Wehe du längsch si aa, de besch en tote Maa.» Auch Julia ihrerseits bleiben ungehobelte Beleidigungen aus Romeos Umfeld nicht erspart.

Schultheater Romeo und Julia

Schultheater Romeo und Julia

Reicht es also, nur die Sprache anzupassen, um die Kids für den Klassiker zu begeistern? «Wir haben schon auch noch andere Tricks angewendet», verrät Markus Gysin. So stehen einander auf der Bühne statt den beiden verfeindeten Familien Bezler und Sek- und Realschüler gegenüber.

Und statt dem Pater Lorenzo versucht eine ebenso erfolglose Schulsozialarbeiterin zu vermitteln. Plötzlich stehen wir also mitten auf dem Pausenplatz: Mobbing, Provokation, Gruppendruck. Kaum versucht der Sekler Romeo die Bezlerin Julia zu küssen, wird er von ihr weggezerrt – und belehrt: «Do gohts om eusi ehr. Eimol Sek-Realer, emmer Sek-Realer.»

Dass das originale Theaterstück derweil nicht allzu sehr in den Hintergrund gerät, dafür sorgen die Auftritte des vierköpfigen Frauenchors. Begleitet von erhabenen Renaissance-Klängen, kommentieren sie das Geschehen in der Originalübersetzung.

So fehlt es auch nicht an Romantik auf der Bühne: Beim Ringtausch etwa gelingt es dem Liebespaar mit ernst-verliebter Mine der Szene die passende Dramatik zu verleihen. Für Julia, die eigentlich Nadja heisst und im richtigen Leben einen Freund hat, brauchte dies schon Überwindung, wie sie selbst sagt.

Theater fördert Selbstbewusstsein

Genau darum gehe es beim Theater, kommentiert Markus Gysin. «In seiner Rolle auch dann zu bestehen, wenn bei den Aufführungen die Schulkameraden im Publikum sitzen.» Das glaubt auch die 14-jährige Vivien: «Dank dem Theater kann ich auch im richtigen Leben selbstbewusster auftreten.»

Eine gute Eigenschaft. Nützlich vielleicht auch, wenn später einmal der eigene Freund vor den skeptischen Eltern verteidigt werden muss.

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