Vierfachmord Rupperswil
Schulpsychologe über List von Thomas N.: «Die Eltern sollen wissen: Wir gehen nie so vor»

Einen Tag vor Prozessbeginn hat die Aargauer Staatsanwaltschaft die Anklageschrift gegen Thomas N. publiziert. Mit einer List verschaffte er sich Zutritt zum Haus der Opferfamilie. Schulpsychologen halten fest: «Wir machen keine Hausbesuche.»

Andreas Maurer
Merken
Drucken
Teilen
Vierfachmord Rupperswil: Der geständige Thomas N. steht ab Dienstag vor Gericht.
31 Bilder
Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalitätsgeschichte.
Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In einem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Um dieses Haus handelte es sich: Hier wohnen die 48-jährige Carla Schauer, ihre zwei Söhne und der Lebenspartner der Frau. Dieser hatte das Haus am frühen Morgen verlassen.
Alarmiert wurde die Feuerwehr um 11.20 Uhr, zehn Minuten später sind sie vor Ort. Nachbarn und die Eltern von Carla Schauer, die Weihnachtsgeschenke vorbeibringen wollten, hatten die Notrufnummer gewählt.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach der Tat teilt die Staatsanwaltschaft mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona F. (†21), welche bei ihrem Freund übernachtet hatte.
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Die Zeit der Unsicherheit ist vorbei. Der Täter ist gefasst." Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist.
Vierfachmord Rupperswil
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer, betreute C-Junioren und war Junioren-Koordinator. Junioren, ihre Familien und Vereinsmitglieder sind geschockt.
Bei Thomas N. zu Hause findet die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als Pflichtverteidigerin vor Gericht vertreten.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Thomas N. sitzt vor dem Prozess im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf ZH.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg findet aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt.

Vierfachmord Rupperswil: Der geständige Thomas N. steht ab Dienstag vor Gericht.

Chris Iseli/TeleM1/Montage:az

Der Name Rupperswil steht für ein unvergleichbares Verbrechen. Doch hätte der mutmassliche Vierfachmörder Thomas N. seinen Plan umsetzen können, gäbe es einen «Fall Rupperswil» auch in den Kantonen Solothurn und Bern.

Die Aargauer Gerichte publizierten am Montag die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau. Sie zeigt nicht nur, wie der Vierfachmord aus Sicht der Strafverfolgungsbehörde ablief, sondern enthüllt auch das Geheimnis des Rucksacks, den die Polizei bei der Hausdurchsuchung sicherstellte.

Während im Dezember 2015 ein Schock durch die Schweiz geht und die Polizei mit einem Grossaufgebot nach den Tätern von Rupperswil fahndet – damals konnte man sich nicht vorstellen, dass einer allein dazu fähig sein könnte –, führt Thomas N. sein Leben weiter wie bisher. Die Blutspritzer auf seinem Rucksack übermalt er mit einem schwarzen Filzstift. Während die Feuerwehr den Brand löscht und dabei vier Leichen entdeckt, nimmt er fünfhundert Meter davon entfernt in seinem Elternhaus eine Dusche. Der damals 32-Jährige wohnt noch immer bei seiner Mutter.

Der Prozess beginnt am Dienstag um 8.15 Uhr – wir berichten hier live

Nach dem Mittag macht er mit ihr und seinen beiden Hunden einen Spaziergang. Am Abend fährt er mit zwei Kollegen nach Zürich, wo sie zusammen dinieren und ins Casino gehen. Er bezahlt mit Hunderternoten, die er am Morgen erbeutet hat. Niemand ahnt, woran Thomas N. in diesen Tagen denkt. In seiner Fantasie ist er beim 13-jährigen Jungen, den er sexuell missbraucht und getötet hat. Er googelt nach 11- bis 15-jährigen Buben, die ähnlich aussehen.

Der Rucksack ist gepackt

Im Januar 2016 stellt Thomas N. in seinem Zimmer seinen Rucksack bereit. Der Inhalt: Seile, die er zu Fesseln vorbereitet hat, Kabelbinder, Anzündwürfel, Klebeband, sechs Flaschen Fackelöl, Handschuhe, Sexspielzeug, Feuerzeug und eine Pistole. Mit diesen Utensilien hat er am 21. Dezember 2015 seine Tat durchgeführt. Was er damals verbrauchte, kauft er sich danach neu.

In seinem Notizblock legt sich N. eine Liste mit Buben an, die ihn interessieren. Er hinterlegt jeweils ein Bild, Name, Alter, Wohnort, Schule. Bei zwei Familien aus den Kantonen Solothurn und Bern gedeihen seine Pläne am weitesten. Er will diese wie in Rupperswil in seine Gewalt bringen, die Anwesenden fesseln, Geld erpressen, den Buben sexuell missbrauchen, alle Personen töten und das Haus anzünden. Davon geht die Staatsanwaltschaft aus. Sie stützt sich unter anderem auf ein Geständnis von Thomas N.

Für die Solothurner Familie bereitet er eine ähnliche List vor wie in Rupperswil. Doch diesmal ist sein Plan noch ausgefeilter. An seinem Computer im Haus seiner Mutter fälscht er ein Schreiben, das er mit dem Briefkopf einer Solothurner Schule und Unterschriften der Schuldirektorin und der Schulleiterin versieht. Er teilt den Eltern darin mit, dass sich eine Schülerin wegen Mobbing das Leben nehmen wollte. Falls sich jemand vom Schulpsychologischen Dienst melden werde, seien die Eltern um ihre Mithilfe gebeten.
Thomas N. spioniert die Familie aus. Er inspiziert das Quartier und macht einen Eintrag in sein Notizbuch: «Di 7:40 alle zuhause, wach». Er wählt zweimal die Festnetznummer der Familie. Als jemand abnimmt, gibt er an, sich verwählt zu haben. Er notiert den Tagesablauf und findet auf Google sogar den Schulplan des Buben.

Das sind die Protagonisten im Prozess zum Vierfachmord Rupperswil:

Protagonisten im Prozess zum Vierfachmord Rupperswil
8 Bilder
Daniel Aeschbach.
Thomas N.
Barbara Loppacher.
Renate Senn.
Opferanwalt: Markus Leimbacher. Leimbacher vertritt die Angehörigen von Carla, Davin und Dion Schauer.
Roland Miotti
Gutachter: Josef Sachs. Der forensische Psychiater hat Thomas N. in den letzten Monaten mehrmals getroffen, alle Akten studiert und ein Gutachten verfasst. Unabhängig davon hat auch der forensische Psychiater Elmar Habermeyer ein zweites Gutachten verfasst. Von diesen Berichten und den Befragungen, die das Gericht am ersten Prozesstag mit den Psychiatern durchführen wird, verspricht man sich Klarheit darüber, ob bei N. eine psychische Störung vorliegt. Dies wird entscheidend sein, wenn es um die Frage geht, ob N. verwahrt werden soll.

Protagonisten im Prozess zum Vierfachmord Rupperswil

AZ/ZVG (Fotomontage)

Der Tag vor der Verhaftung

Am 11. Mai 2016, am Tag vor seiner Verhaftung, fährt N. mit dem Auto seiner Mutter in den Kanton Solothurn. Dabei hat er seinen Rucksack, den gefälschten Brief sowie eine Visitenkarte, mit der er sich als Doktor des Schulpsychologischen Dienstes ausgibt. Von seinem Handy ruft er erneut zweimal auf die Festnetznummer der Familie an. Zuerst kommt keine Verbindung zustande. Danach nimmt jemand ab, doch N. gibt an, sich verwählt zu haben. Er fährt wieder nach Hause. Was ihn von seinem Plan abhält, ist nicht bekannt.
Bei der Berner Familie geht er ähnlich vor. An fünf Januartagen streift er durch das Wohnquartier und macht sich Notizen. Zweimal wählt er die Festnetznummer. Neben den beiden Familien trägt er auf seiner Liste die Namen von neun weiteren Buben im Alter von 11 bis 14 Jahren.

Die Familien aus den Kantonen Solothurn und Bern werden an der Gerichtsverhandlung, die heute in einem Polizeigebäude in Schafisheim beginnt, vom Anwalt Jean-Claude Cattin vertreten. Er wird eine Entschädigungsforderung stellen, die er noch nicht beziffern kann. Er sagt: «Die beiden Familien werden selber nicht an der Verhandlung teilnehmen.» Mehr habe er nicht zu sagen.

Schulpsychologen äussern sich

Philipp Ramming, Präsident der Schweizer Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie, sagt auf Anfrage: «Die allgemeine Verunsicherung unter Eltern multipliziert sich nun durch die vielen Medienberichte. Die Eltern sollen wissen: Wir gehen nie so vor. Wenn Sie Zweifel haben, sollen sie sich bei der Schule melden.» Dominik Wicki, Leiter des Schulpsychologischen Dienstes Solothurn, ergänzt: «Wir machen keine Hausbesuche. Manchmal treffen wir Eltern im Schulhaus, meistens aber auf der Regionalstelle.» Der Kontakt laufe immer über die Schule. Simone Strub, Sprecherin des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons Aargau, bestätigt: «Wir machen keine Hausbesuche. Schon gar keine unangekündigten.»

Die Staatsanwaltschaft klagt auch die geplanten Delikte an. Sie wirft Thomas N. neben der Tat in Rupperswil Vorbereitungshandlungen für mehrfachen Mord, Freiheitsberaubung, Geiselnahme und Brandstiftung vor. Zudem habe er sich der Urkundenfälschung schuldig gemacht.

Um 8.15 beginnt der Prozess zum Vierfachmord Rupperswil. Verfolgen Sie den Verlauf in unserem Liveticker.