Die Seengerin Angela Fisch hat beinahe die kleine Dorfschule von Geltwil im Freiamt übernommen. Diese wird wegen tiefer Schülerzahlen geschlossen. Die Schulpflege brachte eine überraschende Alternative ins Spiel: Eine Privatschule im Dorf, damit Geltwil als Schulstandort attraktiv bleibt. Die Schulpflege holte dafür Angela Fisch ins Boot. Die ausgebildete Lehrerin und Heilpädagogin feilte seit längerem am Konzept für eine Schule mit naturverbundenem und persönlichkeitsbildendem Ansatz. Die Idee der Schulpflege: Angela Fisch mietet von der Gemeinde die Schulräume, die Gemeinde zahlt der Privatschule Schulgeld. Dieses System ist selten. Eine ähnliche Lösung wählte etwa Wiliberg, wo die Primarschüler in der privaten Tagesschule Wannenhof/Wiliberg unterrichtet werden.
Die Idee einer Privatschule gab in Geltwil zu reden. Im April sagte dann die ausserordentliche Gemeindeversammlung Nein dazu. Geltwil sucht stattdessen Anschluss an die Schule einer Nachbargemeinde.

«Jetzt bin ich unabhängig»

Heute, über ein halbes Jahr später, unterrichtet Angela Fisch in Meisterschwanden. Die 37-jährige Pädagogin hat im Dorfzentrum ihre Privatschule Sonnenweg eingerichtet. Hier drücken neun Mädchen und Buben der 1. bis 4. Klasse die Schulbank. Der grosse Raum ist kindergerecht eingerichtet: In der Mitte stehen vier runde Gruppentische. In einer Ecke formen Hocker einen Kreis, am Fenster stehen Computer und Tablets. «Ich bin gar nicht unglücklich, dass es mit Geltwil nicht geklappt hat», sagt Angela Fisch heute. «Der Rückhalt im Dorf war zu schwach für die Privatschule. Jetzt bin ich unabhängig und muss niemanden von meinem Konzept überzeugen.»

Der Tag beginnt in der Meisterschwander Privatschule Sonnenweg immer in Kürze: Die Schüler treffen sich im Kreis, tauschen sich aus, spielen, singen, lachen. Dann wird gelernt, und zwar das gleiche Fach für alle. Der Lehrplan gilt auch hier. Angela Fisch verteilt individuelle Aufgaben, abgestimmt auf das Lerntempo ihrer Schüler. «Die Schüler sollen möglichst viel selbstständig lösen», erklärt Angela Fisch. «Ich stelle immer wieder fest, dass Schüler in der Volksschule schnell passiv werden und vor allem auf Anweisungen der Lehrkräfte handeln.» Fisch möchte deshalb das Denken anregen. «Man muss Kindern einen Teppich mit Material ausbreiten und sie selbstständig arbeiten lassen.» Die Lehrerin habe so mehr Zeit, um Schüler individuell zu betreuen.

Freiraum haben die Schüler auch beim zweiten Teil des Vormittags: Im Projektunterricht wird gebastelt, gestrickt, gesägt und gemalt. Was, entscheiden weitgehend die Schüler. Ein Bub baut ein Wasserrad, bereits fertig ist ein Hasenstall. Die Schüler mussten selber herausfinden, wie sich die Türen des Stalls öffnen und schliessen lassen. «Sie erkennen so am Schluss, was sie erreichen können», erklärt Angela Fisch. «Das gibt Kraft und Selbstvertrauen.»

Kritik an der Volksschule

Dieser Freiraum, eine individuelle Betreuung sowie der enge Kontakt zwischen den Schülern ist Angela Fischs Erfolgsrezept. Vieles davon vermisst sie bei der Volksschule. «Die Schulen werden immer grösser, was soziale Kontakte beeinträchtigt.» Weil Schüler im Prüfungsrhythmus immer gleich weit sein müssen und ständig verglichen werden, führe dies zu unnötig hohem Druck. «Bei mir ist jeder Schüler einfach auf seinem Weg.» Auch über Gefühle spricht Angela Fisch mit den Kindern. «Das kommt an der Volksschule leider zu kurz.»

Dies ist keine Kritik an den Lehrkräften der Volksschule. «Ich habe grossen Respekt vor deren Arbeit. Leider sind die Lehrer in diesem System stark unter Druck. Sie leisten enorm viel unter schwierigen Bedingungen.» Die Volksschule sei zudem für viele Kinder das richtige. «Es gibt aber Kinder, die andere Bedürfnisse haben.» Angela Fisch möchte deshalb Eltern ermutigen zu überlegen, welche Schule zu ihrem Kind passt. Es gebe Wahlmöglichkeiten, was vielen Eltern nicht bewusst sei. «Ansonsten erlebten Schüler Misserfolge und Frust. Im schlimmsten Fall leidet das Selbstwertgefühl.»

Ganz frei ist diese Wahl nicht. Für viele Eltern kommt eine Privatschule schon aus finanziellen Gründen nicht infrage. 1600 Franken kostet ein Monat in der Privatschule Sonnenweg. Eine grosse Belastung für eine Familie. «Ich fände es deshalb gut, wenn das Schulgeld durch Bildungsgutscheine ersetzt würde», sagt Angela Fisch. Eltern könnten dann zwischen Volks- und Privatschule wählen. «Dann hätte jedes Kind die gleichen Chancen, die richtige Schule zu besuchen.»