Das gab es im Aargauer Sport noch nie: zwei Olympioniken des gleichen Vereins in einer Einzelsportart. In genau einem halben Jahr kann sich dies bei den Sommerspielen in Rio ändern.

Im Kunstturnen darf man sich selten auf Lorbeeren ausruhen. Vor Wochen erst standen der Leutwiler Christian Baumann und der Schafisheimer Oliver Hegi im Scheinwerferlicht des Schweizer Sports. Mit dem Männerteam schafften sie an der Weltmeisterschaft in Glasgow Historisches: die erste Olympiaqualifikation seit 1992. Der Applaus war ihnen gewiss.

Mehrkämpfer im Vorteil

Zum Freifahrschein nach Rio verhilft dieser Verdienst aber noch lange nicht. 13 Nationalkaderturner kämpfen seit Januar wieder im täglichen Training in Magglingen um fünf Olympiaplätze. «Zehn Athleten haben derzeit realistische Chancen, es ins Team für Rio zu schaffen», sagt Cheftrainer Bernhard Fluck. Wie gross die Möglichkeit der doppelten TV-Lenzburg-Vertretung in Brasilien ist, darüber will Fluck nicht spekulieren. Nur so viel: «Starke Mehrkämpfer mit Potenzial an verschiedenen Geräten sind im Vorteil».

Das spricht für Baumann und Hegi. Der bald 21-jährige Leutwiler brillierte an der WM mit dem 15. Rang im Mehrkampffinal. Der zwei Jahre ältere Schafisheimer erreichte an den Welttitelkämpfen 2013 und 2014 den Mehrkampffinal. Hegi sagt zum Konkurrenzkampf im Team: «Er kann ein Vorteil oder ein Nachteil sein. Sicher ist, dass alle alles geben werden. Am Ende gehen die Besten nach Rio, und die, die es nicht schaffen, werden das Verdikt akzeptieren.»

Christian Baumann wird in Rio dabei sein, wenn er sein Niveau halten kann. Der Barren-Vizeeuropameister will aber noch mehr, schliesslich hat er in seinem Erfolgsjahr 2015 definitiv auch gelernt, mit Nervosität und Anspannung umzugehen. Immer, wenn es zählte, brachte Baumann seine beste Leistung. «Ziel für Rio ist es, an allen sechs Geräten beim Schwierigkeitsgrad der Übungen noch einen Zacken zuzulegen», sagt er.

Die Zeit dazu ist allerdings knapp. Bereits am 12. März beginnt die Saison mit einem Weltcup in der WM-Stadt Glasgow. Ende Mai steht mit der Heim-Europameisterschaft in Bern ein erster Saisonhöhepunkt auf dem Programm. Die EM wird spätestens aufzeigen, ob der Olympiafahrplan von Baumann und Hegi stimmt.

Ein entscheidender Faktor für Erfolg oder Misserfolg ist im Kunstturnen immer auch die Gesundheit. In der technisch hochkomplexen und körperlich abnützungsintensiven Sportart ist eine Verletzung schneller passiert als in den meisten anderen Disziplinen. Hegi kann ein Lied davon singen, musste er wegen seiner lädierten Schulter doch letztes Jahr auf die Europameisterschaft verzichten. Doch jetzt strahlt er, wenn man ihn auf seine in der jüngsten Vergangenheit etwas labile Gesundheit anspricht: «Es geht mir sehr, sehr gut. Ich kann ohne jegliche Abstriche trainieren.» Perfekte Voraussetzungen also, um sich «den Traum jedes Spitzensportlers zu erfüllen».

Im Verein verwurzelt

Beim TV Lenzburg wäre man bei einer doppelten Olympia-Vertretung «natürlich megastolz», sagt Oberturner Marin Hartmann. Der 26-Jährige stand vor einigen Jahren noch gemeinsam mit Oliver Hegi in der Lenzburger Trainingshalle. Er findet, dass es kein Zufall sei, dass ausgerechnet der TV Lenzburg vielleicht für diese Aargauer Sport-Premiere verantwortlich ist. «Wir stellten bereits vor Hegi und Baumann Nationalkaderturner. Das ist zweifellos auch ein Verdienst der bestmöglichen Grundausbildung, für die bei uns seit über 20 Jahren Riegenleiter Dieter Dössegger verantwortlich ist.»

Stolz ist Hartmann auch darüber, dass die beiden Turnstars bis heute im Verein verwurzelt geblieben sind. «Zuletzt machten beide an unserem traditionellen Weihnachtsturnen mit und zeigten ihr Ausnahmekönnen. Ihre Leistungen sind auch ein Ansporn für alle Kinder im Training.»

Nur bei einer Frage kommt Lenzburgs Oberturner kurz in Stocken: Organisiert man bei einer doppelten Olympiaqualifikation von Hegi und Baumann sogar eine Lenzburger Fanreise nach Brasilien? «Darüber haben wir uns noch gar keine Gedanken gemacht. Rio ist halt nicht gerade um die Ecke», sagt Marin Hartmann und verspricht als Alternative zumindest «ein grandioses Empfangskomitee bei der Rückkehr».