Schreibprojekt
Tatort Berufsschule Lenzburg: Lernende lassen in Stafetten-Krimi den Direktor entführen

Zehn Klassen, fünf Schreibcoaches und ein Krimi – das alles und mehr soll «Tatort BSL» sein. Dereinst wird an der Berufsschule Lenzburg ein ganzes Buch entstehen, noch aber steckt die Geschichte in Kinderschuhen. Ein Besuch vor Ort.

Larissa Gassmann
Drucken
Teilen
Autor Sunil Mann (rechts) und Lehrer Michael Weibel (links) diskutieren mit den Schülerinnen und Schülern über den Verlauf der Geschichte von «Tatort BSL».

Autor Sunil Mann (rechts) und Lehrer Michael Weibel (links) diskutieren mit den Schülerinnen und Schülern über den Verlauf der Geschichte von «Tatort BSL».

Larissa Gassmann

Leonora ist trans, Sinan ist Türke. Eigentlich haben beide Lernenden kaum miteinander zu tun. Bis plötzlich der Direktor der Berufsschule Lenzburg entführt wird und die zwei nach dem aufwühlenden Vorfall aufeinandertreffen. So beginnt «Tatort BSL» – wie die Geschichte aber weitergeht, ist unklar. «Wie würdet ihr euch nach so einem Ereignis fühlen?», fragt Autor Sunil Mann deswegen die vor ihm sitzenden Berufsmaturaschüler. «Über was würdet ihr miteinander sprechen?»

Nach und nach beteiligen sich die Schützlinge von Lehrer Michael Weibel an der Diskussion. Sie alle haben eine Mission: Zehn Klassen, fünf Schreibcoaches und ein Krimi – das alles und mehr soll «Tatort BSL» sein. Initiiert wurde das Projekt durch das Aargauer Literaturhaus, nebst Sunil Mann sind Stephan Pörtner, Christine Brand, Mike Mateescu und Monika Mansour mit an Bord. Ziel ist es, den Jugendlichen aufzuzeigen, dass sie dazu fähig sind, eine Geschichte zu erzählen, ihr kreatives Potenzial zu entdecken. Gleichzeitig sei es spannend zu sehen, was die Altersgruppe beschäftigt, wie es von Seiten Literaturhaus heisst.

Während die Klasse über den Verlauf der Geschichte debattiert, arbeitet eine Kleingruppe am Text.

Während die Klasse über den Verlauf der Geschichte debattiert, arbeitet eine Kleingruppe am Text.

Larissa Gassmann

Starten durfte die Klasse von Weibel Ende August, nach nächster Woche soll die Geschichte an eine neue Gruppe weitergereicht werden. Geplant sind je 10 Seiten – an diesen arbeiten ein paar Türen weiter die zwei Schreiberlinge, während ihre Mitschüler über das Schicksal von Leonora und Sinan entscheiden, die dereinst ein ungleiches Ermittlerduo bilden sollen.

«Ich schätze es sehr, mit Jugendlichen zu arbeiten. Sie sprudeln nur so über vor Ideen. Das Problem ist aber, sich zu einigen», sagt Autor Mann. Dass derart viele Vorschläge gemacht werden, überrascht ihn kaum. «Meiner Meinung nach haben die Menschen grundsätzlich viele Ideen. In diesem Alter sowieso», sagt er. Wenn man die Jugendlichen für etwas begeistern könne, «dann kommt da ziemlich viel».

«Am Anfang wussten wir nicht genau, auf was wir uns einlassen»

Publiziert werden soll das erste Kapitel bald auf dem eigenen Blog unter der Adresse «krimi.bslenzburg.ch». 2022 folgt schliesslich die Buchvernissage – alle Beteiligten erhalten dann ihren Text als gedrucktes Produkt. Obwohl das nach viel Zeit klingt, ist die Klasse von Weibel unter Zugzwang. Gerade das Herausarbeiten einer Story habe viel Zeit verschlungen, so Mann.

Jetzt, bei seinem dritten Besuch, ist alles ein bisschen eingespielter. Noch zuvor habe man über Details abstimmen müssen. Nun aber passiert dies nur einmal: Dann, als sich die Schülerinnen und Schüler uneinig sind, welches Merkmal des Täters Hobby-Ermittlerin Leonora bekannt vorkommt. Soll es ein Tattoo sein, rote Schuhe, ein Ohrring oder vielleicht doch ein Armband?

Timo Vögtli und Silvio Messmer.

Timo Vögtli und Silvio Messmer.

Larissa Gassmann

Besonders aktiv beteiligen sich Silvio Messmer (18) aus Wohlenschwil und Timo Vögtli (18) aus Erlinsbach. «Am Anfang wussten wir nicht genau, auf was wir uns einlassen», sagt Messmer. «Jetzt aber finde ich es cool, die Geschichte weiterzuentwickeln und Vorschläge einzubringen.» Er selbst habe schon eine ganze Story im Kopf, manchmal merke er aber durch Einwände der anderen, dass gewisse Punkte nicht aufgehen.

So ermutigt Mann die Schüler, stets um die Ecke zu denken. Auch was den Text betrifft, hat er gewisse Verbesserungsvorschläge. «Grundsätzlich aber sind die ersten Auszüge sehr gut geschrieben», sagt er. Dazu seien die Schreiberlinge äusserst selbstständig. Sowieso will er nicht allzu viel dreinreden. «Ihr entscheidet. Es ist eure Geschichte», sagt er gleich zu Beginn.

Bald aber muss sich die Klasse von dieser Geschichte trennen. All die ausgestreuten Hinweise und ungelösten Fragen werden dann zur Herausforderung der nächsten Klasse. Traurig stimme ihn dies nicht, sagt Mann: «Das ist der Deal.» Auch sei es «nicht einmal so unangenehm», dass man nicht die ganze Story durchspielen müsse. Ähnlich sieht dies Vögtli. «Ich bin gespannt, wie unterschiedlich die verschiedenen Klassen vorgehen», sagt er. Seine Mitschüler würden sich viele Gedanken machen, die am Ende je nachdem überhaupt keine Rolle spielen: «Vielleicht kommt dann eine neue Gruppe, die etwas völlig anders aus der Geschichte macht.»

Hinweis

Mehr Infos zum Projekt gibt es auf hier sowie via Blog.

Aktuelle Nachrichten