Seengen

Schlossherr Hans von Hallwyl: Das Vermögen der Frau verspekuliert, mit dem Kindermädchen durchgebrannt

Adelssohn, Schlossherr der Wasserburg und von Rued, Regierungsrat und Seetalbahn-Begründer: Hans von Hallwyl verspekulierte das Vermögen seiner Frau und brannte mit dem Kindermädchen durch. Doch das ist längst nicht alles.

Wenn es nach Hans von Hallwyl gegangen wäre, hätten wir heute in Seengen die Wasserschloss-Version von Neuschwanstein.

Der neugotische Baustil war im ausgehenden 19. Jahrhundert ein nicht zu ignorierender Trend. Wer etwas auf sich hielt, verwandelte sein Haus oder wie in Hansens Fall sein Schloss in ein architektonisches Kunstwerk aus Türmchen, Erkern und Spitzbogen.

Als einer der letzten ist Hans von Hallwyl 1835 dem alten Adelsgeschlecht entsprossen. Seit dem 14. Jahrhundert herrschte in der Familie die Tradition, dass der erstgeborene Sohn das Schloss und den dazugehörenden Grund ungeteilt erbte.

Dieses System hat sich über Jahrhunderte bewährt. «Die Hallwyler sind deswegen vermutlich nicht ausgestorben», sagt Thomas Frei, Kurator beim Museum Aargau. Andere eher kleine Adelsgeschlechter hätten das Erbe immer wieder aufgeteilt, bis es keine Lebensgrundlage mehr bot. So ging das Wasserschloss nach Theodor von Hallwyl nicht an denjenigen Sohn mit dem grössten geschäftlichen Geschick, sondern an Hans.

Es ist schwierig, über Hans von Hallwyl ein umfassendes Porträt zu erstellen. Doch auch aus bruchstückhaften Quellen wird schnell klar: Bei ihm hat es sich um eine auffällige Person mit einer bewegten Lebensgeschichte gehandelt.

Hans hat, wie es sich für einen Sohn seines Standes gehörte, eine gute Bildung erhalten und war schon in jungen Jahren bereist. In Berlin und Schottland studierte er Geologie, seine Dissertation über die Struktur von Felsen verfasste er in Latein.

Ehefrau bringt zweites Schloss

1861 heiratete Hans von Hallwyl. Fündig wurde er anderthalb Täler weiter: Auserwählte war Esther May, welche das Schloss Rued und die dazugehörigen Güter in die Ehe brachte. Ob auch die Liebe eine Rolle gespielt hat, kann heute nicht gesagt werden.

«Aber die Hallwyler haben immer geschickt geheiratet», sagt Frei. Wie beim Schloss hatte Hans auch bei seiner Frau alle Voraussetzungen für eine lange und gewinnbringende Verbindung. Doch es gelang ihm, beides zu verhauen.

Weil sich sein Vater Theodor verspekuliert hatte, war das Geld im Hause Hallwyl eher knapp. Doch mit Esther May kam eine halbe Million Franken dazu, mit der sich der aristokratische Lebensstil mit Kutsche und Hauspersonal finanzieren liess. Im Gegensatz zu anderen Edelmännern zog sich Hans nicht auf sein Schloss zurück, sondern war als Politiker aktiv. 1866 wurde er in den Regierungsrat gewählt.

Dort engagierte er sich gegen die Progressivsteuer. «Die Progressivsteuer ist der Beginn des Socialismus», schrieb er. Auch die Staatskirche wollte er weghaben, sie sei eine Institution des Mittelalters. Thomas Frei vermutet hinter dem Engagement des Edelmanns vor allem die Liebe zum Vaterland.

Als Regierungsrat war Hans von Hallwyl am Bau der Seetalbahn beteiligt. Die Berner Zeitung lobte ihn für seine «guten Leistungen» und seine liberale Einstellung. Auch militärisch machte Hans Karriere, er bekleidete den Rang eines Majors im Generalstab.

Auf Bildern ist Hans stets gut gekleidet, er reiste mit seiner eigenen Kutsche umher und besass neben den Schlössern Hallwyl und Rued noch einen Stadtwohnsitz in Aarau. «Es darf angenommen werden, dass er einen starken Geltungsdrang und den Hang zur Selbstüberschätzung hatte», sagt Thomas Frei.

Die Renovation des Wasserschlosses war ein Ausdruck dieses Denkens; als Adliger gehörte es sich, ein standesgemässes Domizil vorweisen zu können. Hans liess das Schloss fast bis auf die Grundmauern abbrechen. Nach dem Umbau war es kaum wiederzuerkennen, aus der Mittelalterburg war ein pittoreskes Schloss geworden.

Doch der Umbau wurde nie fertiggestellt. Hans, definitiv kein gewiefter Geschäftsmann, hat sich bei den Kosten völlig verrechnet. «Er ist ob diesen Umbauarbeiten verlumpt», sagt Thomas Frei. Auch das Vermögen seiner Frau hat Hans dabei verloren.

Hans ist ein Stehaufmännchen

Danach überschlugen sich die Ereignisse. In welcher Reihenfolge und Kausalität sie geschahen, ist nicht im Detail überliefert. Hans von Hallwyl verliess das Land, seinen Posten als Regierungsrat und seine Frau.

Esther von May liess sich 1879 von ihrem Mann scheiden und erhielt das Sorgerecht für die beiden Töchter. Mit seiner Geliebten, einer jungen Tschechin namens Hedwig Styx, reiste Hans nach Serbien. Das Land hatte sich gerade vom Osmanischen Reich gelöst. «Dort herrschte zu dieser Zeit Goldgräberstimmung», sagt Thomas Frei.

Genau nach dem Geschmack von Stehaufmännchen Hans von Hallwyl, der sich von seinen Misserfolgen nie entmutigen liess. Ob er naiv oder schlicht dreist war, ist übrigens auch nicht ganz klar. Hatte er doch seine Geliebte bis zu seiner Abreise nach Serbien im Haushalt seiner Frau als Kindermädchen eingestellt. Esther May verlor ihren Mann und durch dessen Konkurs auch das Schloss Rued.

In Serbien hatte Hans von Hallwyl ebenfalls mit dem Fortbewegungsmittel der Zukunft zu tun. Er arbeitete für die Eisenbahn und war am Streckenausbau des Orient Express durch Serbien beteiligt. 1882 heiratete er die 17 Jahre jüngere Styx, mit der er bis zu ihrem Tod 1905 zusammen blieb.

Den Lebensabend verbrachte das Paar auf einem Anwesen in Überlingen, welches Hans’ Bruder Walter bezahlte. Hans war es nicht vergönnt, dass sein Schlossumbau der Nachwelt erhalten blieb.

Nach dem Konkurs musste er das Schloss seinem Bruder Walter verkaufen. Dieser hatte eine schwerreiche schwedische Frau, Wilhelmina Kempe. Sie nahm sich des Familiensitzes an. Die neue Fassade gefiel ihr gar nicht, sie liess alles Neugotische zurückbauen und stellte einen Architekten an, um aus dem reich verzierten Wasserschloss wieder eine wehrhafte, mittelalterliche Burg zu machen.

1909 starb Hans von Hallwyl in Überlingen. Im Aargauer Tagblatt erschien ein dreizeiliger Nachruf. Eher knapp für einen Regierungsrat, der zwölf Jahre im Amt war.

Ob diese Kürze ein Seitenhieb auf seinen Lebensstil war? Dieser Text ist deutlich länger, von einer Absolution musste jedoch aufgrund der erzählten Episoden aus Hans von Hallwyls Leben abgesehen werden.

Aargauer Schlösser in Bildern:

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