Der Dolmetscher kam vergebens. Statt Farsi sprach man deutsch: Der Angeklagte, ein abgewiesener Asylbewerber aus Afghanistan (37), seit 2011 in der Schweiz, ist nicht da. «Er hat sich geweigert, zu erscheinen», sagt Gerichtspräsidentin Eva Lüscher. Die Polizei bringt es nicht fertig, ihn vom Gefängnis in den Gerichtssaal zu bringen; er «tue wie verrückt». Man solle ihm das Urteil zustellen, habe er gesagt. Der Dolmetscher kann wieder gehen. Die Verhandlung neu anzusetzen, halten weder Verteidiger noch Staatsanwalt für opportun. So beginnt die Verhandlung ohne den Angeklagten, nennen wir ihn A.

Ort des kriminellen Geschehens ist die Asylunterkunft in Holderbank. Hauptdarsteller sind vier Bewohner dieser Unterkunft; zwei sind Opfer, zwei Täter. In den zwei Akten des Dramas tut sich A besonders hervor: Er tritt als Einziger von beiden tätlich in Erscheinung.

Erster Akt mit Besenstiel

Im September 2017 kommts zum ersten Zwischenfall. Täter B (24) und ebenfalls Afghane – er wird in einem separaten Verfahren zu zehn Monaten Haft und Landesverweisung verurteilt – bezichtigt einen Mitbewohner des Diebstahls. B spricht deshalb im Büro der Betreuungsperson vor. Diese will auch die andere Seite anhören und bestellt das spätere Opfer, nennen wir es O, aufs Büro. Daselbst eskaliert die Geschichte. O (26) will nichts von einem Diebstahl wissen, worauf ein lauter Streit sich zu einseitigen Tätlichkeiten entwickelt. In deren Verlauf packt B den O, nimmt ihn in den Schwitzkasten, wirft ihn zu Boden und schlägt auf sein Gesicht ein.

Das Geschrei ruft A auf den Plan, der mit O noch eine Rechnung offen zu haben glaubt: O soll ihm Zigaretten, Bargeld und einen Reiserasierapparat geklaut haben. A schlägt ins Gesicht des am Boden liegenden O, schleift ihn ins Fernsehzimmer, wo er ihn noch mit einem Besenstiel traktiert. Nicht genug: Er droht O, ihm mit einem Stein die Beine zu brechen. Ob die Meldung an die Polizei durch die Betreuungsperson ihn davon abhält?

Das Resultat für O, der sich während des ganzen Vorfalls passiv verhalten hat, weshalb es sich nicht um einen Raufhandel, eine Schlägerei also, sondern um einen Angriff handelt: ein verschobener Bruch des Unterkiefers, starke Schwellung der Ober- und Unterlippe, Schürfungen am rechten Arm. Zum Angriff, den die Verteidigung in Abrede stellt, da es sich um zwei nacheinander folgende, nicht gemeinsam verübte Taten handle, gesellt sich die mehrfache einfache Körperverletzung.

Zweiter Akt mit Bierhumpen

Am Abend des 17. Dezember 2017 kommt es nach dem Nachtessen unter Alkoholeinfluss zu einem Streit. Grund unbekannt. Bekannt sind die Folgen für das Opfer, nennen wir es Z. A verpasst ihm einen Fausthieb gegen das Auge. Nach temporärem Rückzug – andere Anwesende haben A weggezogen – kommt er mit einem gläsernen Halbliter-Humpen zurück und zieht Z diesen mit Wucht über den Kopf. Das Glas birst; Z (27) verliert kurz das Bewusstsein. Qualifizierte einfache Körperverletzung. Der Schaden: eine vier Zentimeter lange Rissquetschwunde an der linken Schläfe und zwei kleinere Rissquetschwunden in der linken Stirngegend. Näharbeit für den Arzt. Alkoholisierung als Grund zur Strafmilderung? Z hat 1,5 Promille intus; A verweigert die Probe.

Als die Polizeipatrouille eintrifft, verhält A sich aggressiv und renitent, wehrt sich gehen die Verhaftung. Er tritt um sich, trifft eine Polizistin am Schienbein und deckt sie und ihren Kollegen mit Schimpfwörtern ein: «Schlampe, fuck you!» Gewalt gegen Beamte, Beschimpfung. Mehrfach.

Das Gericht folgt dem Antrag des Staatsanwalts und spricht A in allen Anklagepunkten schuldig. Er ist kein unbeschriebenes Blatt: Die Vorstrafen zwischen 2011 und 2016 umfassen neben der illegalen Einreise Sachbeschädigungen, Beschimpfungen, Gewalt und Drohung gegen Beamte. Er hat einen Mitarbeiter der Securitas schon mit einer Kopfnuss bedacht und Polizisten bespuckt, sodass man ihm einen Spuckschutz anlegen musste.

Das Urteil: 20 Monate Freiheitsstrafe unbedingt, Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 10 Franken unbedingt, Verfahrenskosten von 2050 Franken, sieben Jahre Landesverweis.