Der 58-Jährige trägt Wollsocken, Sandalen und eine dicke Jacke. Draussen ist es warm. Er sitzt drinnen, im Gerichtssaal vor den Richtern des Bezirksgerichts Lenzburg. Ein weiteres Mal werden sie über seine Zukunft entscheiden.

Herr Müller (Name geändert) lebt seit 20 Jahren in einem Heim im Aargau. Er kam dorthin, weil er drogenabhängig war. Heute rauche er nur noch Zigaretten. «Cheibe Sucht», sagt er.

Vor zehn Jahren bedrohte er eine Frau mit dem Tod. Weil diese Drohung in Zusammenhang mit seiner psychischen Störung geschah, erhielt er keine Gefängnisstrafe, sondern eine stationäre Massnahme.

Geändert hat sich für ihn damit nicht viel. Er musste bloss weiterhin im Heim bleiben. Vor fünf Jahren musste das Bezirksgericht Lenzburg diese Massnahme wieder prüfen und hat sie nochmals um fünf weitere Jahre verlängert.

Die Richter werden die Massnahme auch diesmal wieder verlängern. Das weiss Müller noch nicht, als er zu Beginn der Verhandlung am vergangenen Donnerstag sagt: «Ich lebe nun seit 20 Jahren in diesem Heim, ich denke, das sollte reichen.» Er forderte eine Lockerung in Form einer eigenen Wohnung.

Ohne Medikamente flackern Symptome sofort wieder auf

Herr Müller leidet unter einer chronischen Schizophrenie. Er muss Medikamente nehmen, sonst flackern die Symptome der Krankheit sofort wieder auf. Diese Medikamente haben starke Nebenwirkungen. Während der Verhandlung muss Herr Müller immer wieder trinken, weil sein Mund so trocken ist.

Laut Berichten versuche er aber immer wieder, die Einnahme der Medikamente zu umgehen. Die Tabletten beispielsweise im Mund zu verstecken, um sie später wieder auszuspucken.

In Müllers Akten tauchen ausserdem Fälle von sexuellen Handlungen mit Kindern und Exhibitionismus auf.

«Was passiert, wenn Sie die Medikamente nicht nehmen?», fragt Gerichtspräsidentin Eva Lüscher. Herr Müller sagt: «Das weiss ich auch nicht, was dann passiert.»

In seiner Freizeit spaziert Herr Müller oft an den nahen Waldrand, sitzt dort auf das Bänkli neben der Feuerstelle und schaut sich die Natur an. Er spiele ausserdem oft Lotto, gewinne auch regelmässig, sagt er.

Die Staatsanwaltschaft vertritt die Meinung, dass die Massnahme um fünf Jahre verlängert werden muss, weil Müller eine geringe Krankheitseinsicht habe und deshalb seine Medikamente nicht einnehmen wolle. Nimmt er die Medikamente nicht, werde er aggressiv, heisst es in einem der vielen Berichte über ihn.

«In diesem Fall besteht eine hohe Gefahr weiterer Delikte in Zusammenhang mit seiner psychischen Erkrankung». Verhindert werden könne das nur durch einen stark strukturierten Tagesablauf und eine kontrollierte Medikamenteneinnahme.

Müller Verteidiger sagte, dass das Gericht seinem Mandanten vor fünf Jahren versprochen habe, das Regime langsam zu lockern. «Geschehen ist nichts.» Und das, obwohl sich Herr Müller vorzüglich verhalten habe, in den letzten Jahren ein freundlicher Mensch geworden sei.

Verteidiger fordert eigene Wohnung

Der Verteidiger kritisierte die Haltung von Gericht und Psychiater, stets alles so zu belassen, wie es ist. «Natürlich ist das einfacher für uns, die wir nicht persönlich betroffen sind davon.»

Er forderte darauf, dass die Richter Müller die Chance geben, sich in Freiheit zu bewähren. Er wollte, dass Herr Müller in eine eigene Wohnung ziehen könne, weiterhin im Heim arbeitet und dort die Medikamente unter Aufsicht einnehme.

Die Richter sahen das anders. Sie verlängerten die Massnahme, weil sie bezweifelten, dass Herr Müller seine Medikamente wirklich einnehmen würde. Gerichtspräsidentin Lüscher sagte zum Schluss: «Es wäre schön, wenn Sie uns das Gegenteil beweisen würden.»

Beweisen kann Herr Müller das in fünf Jahren. Dann wird das Gericht wieder über eine allfällige Verlängerung der Massnahme entscheiden müssen.